Ausrüstung

Krieghoff – Von Jagdbüchsen und deren Fertigung mit Leidenschaft

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Die Firma Krieghoff aus Ulm ist bekannt für ihre innovativen, mit Sicherheits-Handspanner ausgestatteten Büchsen. Jagdzeit International-Autor Dr. Metzner war mehrere Tage im Werk und berichtet von der Entwicklung der berühmten deutschen Gewehrmanufaktur, beleuchtet Vergangenheit und Gegenwart sowie Gewehre und Kaliber, die von Krieghoff entwickelt worden sind.

 

DIE WURZELN DER H. KRIEGHOFF GmbH liegen im thüringischen Suhl, dem früheren Zentrum des Jagd- und Sportwaffenbaus in Deutschland. Nach Suhl zieht in den 1880er Jahren auch der junge Berthold Selmar Ludwig Krieghoff, der aus Nordhausen stammt.

Er arbeitet als Lehrer, verliert diese Stelle jedoch, als er anlässlich einer Wette für die damals immense Summe von 100 Goldmark eine Sau in Unterhosen um den Dorfmarktplatz treibt. Die Story ist verbürgt, bringt ihm aber neben kurzfristigem Spaß zunächst großen Ärger ein. Später sollte es sich aber doch noch als Glücksfall für ihn erweisen, da er nun eine Stelle in Suhl bekommt und kurz darauf die Tochter des dortigen Schulrektors ehelicht.

Der Familienname Krieghoff steht nach dem Forscher Hans-Jürgen Fritze nicht für die Wörter „Krieg“ und „Hoffnung“ – dies sei eine volksetymologische Fehldeutung – sondern dafür, dass der Urahn aller Krieghoffs seinen Bauernhof mit Gewaltanwendung „gekriegt“ (oder bewahrt) hat.

 

Krieghoff Reklame 1930

Werbeanzeige aus den 1930er Jahren, damals war das Portfolio noch umfangreicher als heute.

 

Da der Lehrerberuf nicht viel einbringt, gründen Krieghoff und sein Partner Sempert im Jahr 1885 die Firma „Sempert & Krieghoff“ (seit 1886 eingetragenes Unternehmen).

Das Unternehmen ist in der Anfangszeit eine bescheidene Werkstatt mit drei Mann, wie viele der seinerzeitigen Suhler „Jagdgewehrfabriken“. Zusätzlich zu kleinen Waffenteilen baut man auch Zubehör für elektrische Anlagen, das Wissensgebiet von Sempert, der bei Thomas Edison gelernt haben soll. Einige Zeit läuft es gut, dann erreicht die „große Depression“ auch Suhl, Sempert wandert in die USA aus und Krieghoff schließt die Elektro-Sparte, zu der er nie eine Affinität hatte, für immer. Es folgen turbulente Jahre, Krieghoff muss sich u. a. 1899 vor dem Schwurgericht verantworten: Zur damaligen Zeit liegen die Postfächer von Krieghoff und Sauer & Sohn nebeneinander. Aufträge für Sauer wurden fälschlicherweise bei Krieghoff eingeworfen, die dieser ungerechtfertigterweise ausführen lässt. Natürlich fliegt die Sache auf, aber Krieghoff kann vor Gericht ein „Versehen“– und keine vorsätzliche Straftat – nachweisen und entgeht einer Strafe.

Das Unternehmen vergrößert sich stetig und nimmt einen großen Aufschwung, als der jüngere Sohn Heinrich, nach Abschluss seiner Ausbildungszeit beim Büchsenmacher Funk, dem Graveur Heim sowie dem Rohrmacher Klett und zahlreicher Auslandspraktika, im Jahr 1916 eine eigene Firma, die „Heinrich Krieghoff Waffenfabrik“, gründet. 1919 übernimmt er den väterlichen Betrieb, der noch Jahrzehnte (organisatorisch und steuerrechtlich) parallel existiert und erst nach und nach integriert wird. Im belgischen Lüttich (u. a. bei FN) sowie im englischen Sheffield und in Birmingham sieht er sich die Vorteile der industriellen Waffenfertigung an und führt dieses Know-how bei sich in der Firma ein.

 

Kriege

 

In Zeiten des 1. Weltkrieges herrscht Vollbeschäftigung in Suhl, die Schichten dauern zwölf und mehr Stunden, auch nachts wird gearbeitet.

Krieghoff baut viele Zulieferteile für andere Waffenhersteller, vor allem Federn und wichtige Systemteile für das Gewehr 98, und fertigt ca. 10.000 komplette Walther-Pistolen des Modell 4, die teilweise auch deren Stempelung tragen. Die 1920er und 1930er Jahre sind goldene Jahre für die Firma, sowohl hinsichtlich der Umsatzzahlen als auch bei den Entwicklungen. 1925 fertigt das Unternehmen die zehntausendste Jagdwaffe, was ausgiebig gefeiert wird. In Afrika ist man ebenfalls vertreten mit großkalibrigen Repetierern für die starke 12,5×72 Schüler-Patrone. In diesen Jahrzehnten werden zudem einige – schon länger vorhandenen – Patente weiter verbessert, gebaut und verkauft. Da ist z. B.die Präzisionssicherung, eine Schlagbolzensicherung, die gemäß der Beschreibung „unabhängig vom Willen des Jägers gegen alle Möglichkeiten des unbeabsichtigten Losgehens des Gewehres schützen soll“. Eine technische Verbesserung, bei dem ein mit dem Abzugsblatt verbundener, beweglicher und gefederter Hebel automatisch den Schlagstift so lange sichert, bis der Abzug gezogen wird. Berühmt ist auch die patentierte, ohne Werkzeug wechselbare Kolbenkappe (heute Schaftkappe genannt). So kann man eine kürzere für den Winter und eine längere für den Sommer verwenden und das Schaftlängenmaß ist unabhängig von der Kleidung immer gleich lang.

Bis zum Ende des 2. Weltkriegs fertigt man diese in Suhl, dann gerät sie in Vergessenheit. Wegu liefert ähnliche Modelle aber noch heute. Ein Klassiker – und bis in die 1970er Jahre in der BRD sehr beliebt – ist das Semper-Läufchen. Ein Einstecklauf von ca. 22 cm, meist im Kaliber .22 lfB (aber auch in 5,6×35 R), der sich problemlos selbst montieren lässt und gute Streukreise von 5 bis 6 cm auf 100 Meter schießt. Noch heute wird er gerne verwendet und kostet gebraucht um die 80 Euro.

Weitere Erfindungen nach Krieghoff-Patenten: eine Einabzugskonstruktion, das Pulvermikromaß sowie die Schlagstücksicherung für hahnlose Gewehre. Gerade letzteres wird mehrfach prämiert. Wo Licht ist, ist aber auch Schatten: Die erste hakenlose Bockdoppelflinte oder ein mit Luft gefülltes Gummikissen im Bereich der Schaftbacke erweisen sich als Flops. Dagegen wiederum findet Duralaluminium im Waffenbau und eine gesonderte Schloss-Handspannung noch heute Verwendung, beides sind hauseigene Patente.

Vor Kriegsbeginn 1939 produziert man bei Krieghoff in Suhl sage und schreibe 71 verschiedene Jagdwaffenmodelle, dann wird die Fertigung von Jagdwaffen eingestellt. Damals ist der Drilling der wichtigste Gewehrtyp und macht die Firma bekannt.

 

Neuanfang

 

Der weitere Aufschwung des Unternehmens wird nach Ende des 2. Weltkrieges jäh unterbrochen. Die gesamten Fertigungsanlagen in Suhl werden Pfingsten 1947 durch die russischen Besatzungsmächte gesprengt, wenngleich Teile der Anlagen vorher requiriert, demontiert und in den Osten gebracht wurden. Heinrich Krieghoff wird mit seiner Familie und einigen seiner engsten Mitarbeiter von den Amerikanern nach Heidenheim/Brenz, etwa 50 km nördlich von Ulm, „zwangsevakuiert“.

An Waffenfertigung ist in Heidenheim zunächst nicht zu denken, diese ist ohnehin strengstens verboten. Aber die kleine Krieghoffgruppe hält sich unter größten Schwierigkeiten mit allen nur möglichen Beschäftigungen über Wasser, u. a. mit der Fertigung von Waschbrettern, kleinen Holzkästchen sowie Möbelstücken. Not macht erfinderisch: Krieghoff sieht die Unmengen von leeren Weißblechdosen, die die Amerikaner entsorgen müssen und fertigt daraus Scharniere. Die Belegschaft sammelt die Dosen ein, dann werden in mehreren Arbeitsschritten brauchbare Beschläge fabriziert. Mit damals 13 Angestellten produziert man täglich an die 5.000 Scharniere, was auf echtes Improvisationstalent schließen lässt, da dies alles in Handarbeit von statten geht. Aus diesen ersten Gewinnen stammen die ersten Werkzeuge und Maschinen für den kommenden Neustart. Von Woche zu Woche läuft es besser, dann kommt auch noch Sohn Heinz-Ulrich aus der Kriegsgefangenschaft heim, der zunächst eine Lehre als Maschinenschlosser und Werkzeugdreher absolviert und in den Folgejahren in den väterlichen Betrieb einsteigt. Nach der Währungsreform sinkt der Umsatz kurzfristig, sodass man für wenige Jahre eine Kooperation mit dem Uhrmacher Coufal eingeht, Zeitmesser fertigt und verkauft. Die Mannschaft erweist sich dabei als sehr lernfähig, in wenigen Wochen baut man präzise Modelle, die bei Sammlern heute noch laufen.

 

Krieghoff Kaliber.470 NE

Auch wenn es einen Handspanner im kolonialen Afrika nicht gab, kommt das nötige Feeling auf, wenn man eine Classic Big Five in den Händen hält. Hier eine in .470 NE mit hochglanzpoliertem Schaft.

 

Ein wahrer Glücksfall: Der langersehnte Wiedereinstieg ins gewohnte Metier beginnt mit dem Umbau von Wehrmachtskarabinern in individuelle Jagdbüchsen – auf Anfrage und mit Sondergenehmigung der US Kommandantur. So werden zahlreiche, in erster Linie von der amerikanischen Besatzungsmacht gelieferte Repetierer umgearbeitet. Zusätzlich macht man sich einen Namen mit der Fertigung und dem Einbau von Zielfernrohrmontagen. Rasch ist dafür allerdings die erste Werkstatt in Heidenheim – eine umgebaute Wohnung – zu klein.

 

Kurzläufig

 

Durch die schrittweise Liberalisierung des Jagd- und Waffengesetzes setzt sich die weitere Entwicklung des Unternehmens fort. Man widmet sich wieder der Kernkompetenz. Im Jahr 1953, infolge von Aufträgen der Landesforstverwaltung, wird wieder mit der Fertigung von kombinierten Gewehren begonnen, und zwar mit den sogenannten „Försterdrillingen“. Diese stehen in der Tradition der Krieghoff-Kurz- Drillinge mit 55 cm langen Läufen. Ein Erfolgsmodell, leicht und führig, entwickelt in den 1930er Jahren, unter Mithilfe von Heinrich Koppman, einem der besten Schützen und Fachautoren seiner Zeit. Während andere Hersteller – nach dem englischen Maß – 28- oder gar 30-Zoll-Läufe bevorzugen, geht man einen eigenen Weg.

Schon vor gut 100 Jahren wusste man: „Zur Zeit des Schwarzpulvers hatten lange Läufe durchaus ihre Berechtigung. Diese hatten aber den großen Nachteil, dass sie die Waffen unhandlich und vorderlastig machten, besonders beim Drilling. Das ist heute nicht mehr nötig, aber dennoch halten viele Hersteller traditionell daran fest. Der Konstrukteur Schrader wollte vor vielen Jahren den Übelstand beseitigen, indem er den Kugellauf kürzer fertigte als die Flintenläufe. Der Meister Frank wollte dagegen den Kugellauf abnehmbar machen, um das Packmaß zu verringern. Beide‚Erfindungen‘ waren zur Erfolglosigkeit verurteilt. Als wir bei Krieghoff in der Versuchsabteilung begannen die Drillinge – von vormals 68 cm, ab 1920 von 66 cm – auf 55 cm und später sogar auf 50 cm zu kürzen, glaubten wir zunächst selber nicht an einen Erfolg. Allzu tief war auch bei uns die Meinung verwurzelt, dass der kurze Lauf nicht treffen könne. Die Anregungen dazu kamen von unterschiedlichen Seiten, zunächst von Kunden, die diese so bestellten, was wir selber als ein Kuriosum abtaten. Dann kamen der Ingenieur Schmuderer und der Staatsförster Steingraß, belegten das von der technischen und praktischen Seite und wir gingen frisch ans Werk. Wir hatten am Anfang einige Misserfolge, als wir zunächst die vorhandenen Läufe einfach kürzten, aber wir haben dann spezielle Läufe, die auch von den Dimensionen und den Berechnungen her passen, gefertigt. Das brachte den Durchbruch. Sofort hatten wir das gleich gute Ergebnis auf dem Stand und im Wald wie mit den langen Modellen, bei allen Vorteilen der Handlichkeit. Dass die Treffergenauigkeit nicht merkbar beeinflusst wird, brachte eine Versuchsreihe zustande, bei dem ein 8 mm-Lauf von 70 cm schrittweise auf 55 cm gekürzt wurde, was keinen Einfluss auf die Streuung hatte. Ein so zierlicher Drilling ist eine Wohltat beim Ansitz und erst Recht auf der Pirsch.“

Diese Fakten gelten auch heute noch, selbst wenn die Nachteile, wie die Verkürzung der Visierlinie, die Verstärkung des Mündungsblitzes bei schnellen Kalibern, die Erhöhung des Hochschlages und des Knalls, nicht verschwiegen werden dürfen. Noch heute bietet Krieghoff mit die kürzesten Gewehre von allen großen Herstellern in Serienproduktion an – im Standard sind es 55 oder 60 cm – und der Erfolg gibt ihnen Recht.

 

Krieghoff Lauf

Im Side-by-Side-Stil können verschiedene Laufkonfigurationen geordert werden, je nach Leistungsanforderung als reiner Flinten- oder Büchsenlauf sowie in Kombination.

 

Ulm

 

Der eigentliche Neubeginn startet mit dem Umzug nach Ulm in zunächst angemietete Räumlichkeiten in der „Oberen Donaustation“. Eingefädelt wird dies vom damaligen Stadtbaudirektor Guther, der in weiser Voraussicht auch die Waffenfirmen Walther und Anschütz in die Münsterstadt holt. Als erste „Waffen Herstellung“ wird die Anfertigung von Luftgewehren wieder erlaubt und so fängt man mit 13 Mitarbeitern an zu produzieren. Bereits im Jahr 1960 eröffnet man ein eigenes Gebäude in der Boschstraße, dem noch heute existierenden Firmensitz, der zwischenzeitlich mehrmals erweitert wurde. Für die erfolgreiche Geschäftsentwicklung sind insbesondere die in den 60er und 70er Jahren entwickelten Drillingsmodelle Trumpf und Neptun, aber auch die Bockwaffenmodelle Einschloss und Alb sowie später die Modelle Teck und Ulm verantwortlich. Maßgeblichen Anteil an der Geschäftsentwicklung von Krieghoff hat neben der Jagdwaffenfertigung die Ausweitung des Produktbereiches um die Spezial-Wurfscheibenflinten für die Disziplinen Trap, Skeet und Jagdparcours. Hier sei z. B. die legendäre Flinte K-32 genannt.

Ab Mitte der 70er Jahre hält die „Computer- Revolution“ auch bei Krieghoff Einzug. Zunächst wird die elektronische Datenverarbeitung im kaufmännischen Bereich eingeführt, um die immer größer werdenden Datenmengen zu bewältigen und die Fertigungsabläufe zu verbessern. Aber auch im technischen Bereich wird ab Anfang der 80er Jahre auf neue Fertigungstechniken umgestellt. CNC-gesteuerte Werkzeugmaschinen, computerunterstützte Konstruktion und Fertigung „CAM“ sind heute aus der Fertigung – nicht zuletzt wegen der hohen Komplexität des Produktionsprogrammes – nicht mehr wegzudenken. Es gibt noch ein kurzes Gastspiel in Suhl, als Krieghoff nach der Wende 1990 mit einer Dependance nach Thüringen zurückkehrt.

Man möchte an alte Traditionen anknüpfen und verspricht sich einen großen Markt dafür. Leider gelingt es trotz großem organisatorischem Geschick nicht, zwei Werke gleichzeitig zu führen und so wird das Suhler nach der Jahrtausendwende wieder eingestellt. Heute wird die „H. Krieghoff GmbH“ bereits in der fünften Generation von den geschäftsführenden Gesellschaftern Dieter (in den USA) und Phil Krieghoff (in der BRD) sowie dem Geschäftsführer Peter Braß mit derzeit ca. 80 Beschäftigten geführt. Fertigungsstätte ist ausschließlich Ulm, auch wenn man in den USA – mit ca. 25 Beschäftigten – Garnierungen und den Service für den dortigen Markt ausgeführt.

 

Krieghoff Standort

Seit vielen Jahrzehnten ist die Krieghoff Hauptzentrale in Ulm, zwei Stockwerke hoch sowie unterkellert.

 

Jagderlebnisse

 

Alle Krieghoff-Eigentümer waren und sind Jäger. Einige unternehmen Jagdreisen, andere bleiben immer bodenständig in Deutschland. Es gibt viele Anekdoten zu diesen Abenteuern, Hans-Jürgen Fritze erzählt: „Heinrich Krieghoff war ein begeisterter Waidmann. Am Dolmar, dem alten Berg der Kelten, besitzt er eine Jagdhütte mit Revier. Hier gehen er, aber auch sein Bruder Ludwig ihrer Passion nach. Hirsche haben im dichten Westteil seines Reviers, welches an die Ortschaft Rappelsdorf angrenzt, ihren Einstand. Sie kommen zur Äsung auf die Ackerflächen nördlich der Nahe. Deshalb lässt er sich dort eine Kanzel aufstellen.
Bei einem Spätansitz im Jahre 1935 taucht plötzlich in ca. 20 Metern Entfernung ein gewaltiges Hirschhaupt auf, umrahmt von Brombeerranken im Vollmondschein, ein wahrhaft prachtvolles Bild. Ludwig jun. hat einen geringen Abschusshirsch frei und sieht schnell, dass dies ein kapitaler Erntehirsch ist. Auf den hat es schon Forstrat Harke abgesehen und ließ sich deshalb unweit der naheliegenden Reviergrenze auch eine Kanzel bauen.
Nun beruhigt Krieghoff sein Gewissen, dass es dem Hirsch doch egal sein könne, wer ihn zur Strecke bringt. Er zögert nicht, nimmt seinen – natürlich hauseigenen – Drilling Neptun in 8×57 R und will schießen. Da dies in höchster Erregung passiert, unterläuft ihm dabei ein Fehler und er streift mit seinem Zielfernrohr an dem Holz der Luke. Das leise Geräusch vergrämt den Kapitalen.
St. Hubertus hat ihn „vor der Sünde“ bewahrt. Zwei Tage später sitzt er wieder an, von 18.00–23.00 Uhr, entschlossen zu schießen. Da kommen aus dem Hochwald, etwa 80Meter rechts von ihm, zwei, drei Stücke Wild…, dann „sein“ Hirsch. Dieses Mal läuft alles glatt, Drilling einrichten, Zielaufnahme, Schuss, Treffer. Alles Wild flüchtet in den Wald, er kann nicht sehen, ob der Kapitale auch dabei ist. Warten, endloses Warten. Angeschweißt? Gar ein Fehlschuss? Nach einer guten halben Stunde steigt er vom Sitz und sucht im Glas den Acker ab, nichts. Jetzt siehter im Glas einen Ast aus dem Kartoffelfeldhochragen.
Wie kommt der auf den Acker? Mit schussfertigem, nachgeladenem Drilling geht er langsam darauf zu. Da! Sofort sieht er das riesige Geweih seines Hirsches hochragen, der verendet dort liegt. Strahlendes Mondlicht. Stille und Staunen. Es ist ein ungerader Achtzehnender, ein hochkapitaler Hirsch.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Im Auto heim, die Frau aus dem Bett geholt und Bruder Heinrich benachrichtigt, zurück nach Rappelsdorf. Landwirt Frühauf holt die Beute mit dem Pferdewagen in den Schlosshof, wo das Forstpersonal den Hirsch bestaunt, aber auch voraussieht, dass jetzt großer Ärger in der Luft liegt. Ludwig meldet den Abschuss telefonisch dem Kreisjägermeister, der meint, eventuell ist es doch nur einer der freigegebenen Abschusshirsche, er wolle gleich selber mal nachsehen. Als er ihn sieht, verneint er das verständlicherweise. Er erlegt Krieghoff 75 Reichsmark Ordnungsgeld als Sühne auf, die dieser mit Vergnügen zahlt.
Nicht damit einverstanden ist Forstrat Harke, der beim Gaujägermeister Sauckel in Weimar Beschwerde einlegt, mit dem Antrag, das Ordnungsgeld empfindlich zu erhöhen und das Geweih zu konfiszieren. Krieghoff erhält Gelegenheit zur Stellungnahme und schildert die Mondnacht, worauf ein höherer Forstbeamter entsandt wird. Der meint, vor dem Geweih stehend: „Herr Krieghoff, den hätte ich auch geschossen und wenn ich dafür stundenlang mit nacktem Arsch im Schnee stehen müsste. Waidmannsheil.“

Weimar entscheidet dann später: „Das Ordnungsgeld wird auf 300 Reichsmark erhöht, das Geweih bleibt beim Erleger.“

Das Geweih wird auf vielen Ausstellungen gezeigt, gilt als stärkster Hirsch des Jahres 1935 und macht selbst Reichsjägermeister Göring neidisch, als er es auf der „Berliner Grünen Woche“ sieht. In den Kriegswirren bleibt das Geweih in Suhl und wird nicht auf der Flucht mitgenommen. Im Jahr 1960 findet es ein Büchsenmacher aus West-Deutschland bei einem Besuch wieder und nimmt bei seiner nächsten Reise ein billiges Hirschgeweih im Kofferraum seines Autos mit, welches er in die Grenzpapiere eintragen lässt. Diese beiden tauscht er aus, die Zöllner merken bei der Rückfahrt nichts. Heute hängt das Geweih, als „Rappel-Hirsch“ bezeichnet, im Treppenhaus des Werkes, neben anderen prächtigen Trophäen.

 

Neuzeit

 

In Ulm werden heute ca. 2.000 Gewehre im Jahr gefertigt, davon 60 % Flinten und 40 % Jagdbüchsen. Es ist die Unternehmensphilosophie von Krieghoff, dass dabei meist auf die selbst ausgebildeten Handwerker, seien es Büchsenmacher oder Werkzeugmacher, Schäfter oder Graveure, gesetzt wird. Ralf Müller, Prokurist und kaufmännischer Leiter, dazu: „Unsere Mitarbeiter sind unser Kapital, die meisten sind auch hier ausgebildet. Wir haben alle ein gutes Verhältnis zueinander, mit dem Ziel, unseren Kunden ein gutes Produkt zu bieten. Mir ist klar, dass sich das im Zeitalter des ‚emotionalen Marketing‘ etwas abgedroschen anhört, hier ist es aber so.“

Einiges ist Handarbeit, einiges ist computergestützte Teilefertigung, denn nur so ist man heutzutage in der Lage, wirtschaftlich zu fertigen. Aufbauend auf dieser Philosophie existiert eine ausgereifte Produktpalette, angeführt von den Flintenmodellen der K-80-Serie. Im Bereich der Büchsen stehen die Zweischloss-Kombi Handspannermodelle Optima (Drilling, ab 6.306 Euro), Ultra (Bockbüchse/-flinte, ab 3.979 Euro) und Classic (Doppelbüchse, ab 5.824 Euro) sowie die Kombi-Handspanner Hubertus (Kipplaufbüchse, ab 3.729 Euro) zur Verfügung. Krieghoff fertigt hin und wieder Sondermodelle in kleiner Stückzahl für Sammler und Liebhaber, wie die nun ausverkaufte Pistole 08 nach alter Bauart (limitiert auf 200 Stück, ab 12.495 Euro) oder die Doppelflinte Essencia (limitiert auf ca. 20 Stück im Jahr, ab 29.403 Euro). Jüngster „Spross“ der Produktpalette ist die innovative In-Line-Repetierbüchse Semprio (ab 2.892 Euro) bzw., wenn man es genau nimmt, die neue Munitionsserie KSB (seit 2015) mit einem Messinggeschoss.

 

Krieghoff Semprio Vorderschaftsrepetierer

Die Vorderschaftrepetierbüchse Semprio ist mit einigen technischen Innovationen ausgestattet, die es so in keiner zweiten Büchse gibt.

 

Leidenschaft

 

Wenn man in den Werkshallen im Hauptgebäude ist, merkt man es schnell: Die Mitarbeiter sind mit Leidenschaft dabei. Ja, Leidenschaft ist dafür der beste Ausdruck. Man sieht es, man hört es, man fühlt es. Egal ob in der Schäfterei, der Polierwerkstatt oder in der Räumen, wo die Läufe gelötet, gerichtet und brüniert werden. Dasselbe spürt man in dem Maschinensaal, in dem acht CNC-Fräsmaschinen stehen, davon zwei hochmoderne, die bis zu 143 Werkzeugköpfe selbstständig wechseln können. Schon in den 1970er Jahren hat man hier auf CAD umgestellt, Mitte der 1990er Jahre auf 3D-CADProgramme, um auf der Höhe der Zeit zu sein.

Krieghoff produziert damit viele Kleinteile, wie Sicherungsschieber, Kornsattel oder Montageteile, kauft diese nicht wie viele andere Hersteller zu. Aber auch diese Kleinteile gilt es zu polieren und die Oberflächen zu veredeln. Das wiederum führen weitere Abteilungen durch, wo mehrere Dutzend Männer diese Arbeitsgänge von Hand ausführen, so wie schon vor einhundert Jahren. Da hat nichts geändert, wenn man mal von dem Transmissionsantrieb des Maschinenparks absieht, der heute aus Sicherheitsgründen mit Elektromotoren erfolgt.

Leidenschaft hört man auch, wenn man mit den Handwerkern ins Gespräch kommt. Sei es Dietmar Krüger, der „Bademeister“, der sich um Oberflächenbeschichtungen kümmert. Krieghoff bietet dazu fünf Verfahren an: buntgehärtet, chemisch vernickelt, nitriert sowie streich- oder tauchbrüniert. Die Bunthärtung erfolgt extern, alles andere in einem speziellen Raum mit permanentem Luftaustausch. Gerade für das chemische Vernickeln der Basküle und von Kleinteilen braucht man viel Erfahrung, um die Nickel- Phosphor-Legierung gleichmäßig und ansprechend im Farbton als auch reell als Korrosionsschutz anzubringen. Die zu vernickelnden Waffenteile werden in spezielle Elektrolyte getaucht und ohne das Anlegen einer elektrischen Spannung scheidet sich auf der Oberfläche der Gegenstände ein Nickelüberzug ab. Dieses Verfahren zeichnet sich durch eine gleichmäßige Schichtdicke, auch bei komplizierten Teilen und an innen liegenden Flächen, aus. Sie sind danach noch lötbar und nicht ferromagnetisch. Das wesentlich einfachere galvanische Vernickeln, bei dem zur Abscheidung Strom eingesetzt wird, hat sich nicht bewährt. Man kann zwar schneller arbeiten und die Bäder sind wesentlich länger einsetzbar, aufgrund der „Knochenbildung“ an den Kanten (und somit unterschiedlicher Schichtdichte) ist es aber nicht ideal. Bei der Brünierung stellt sich wie immer die Frage: „Welche ist besser?“. Hier ist es sehr einfach: Es werden beide Verfahren angeboten. Grundsätzlich werden hartverlötete Teile tauchbrüniert und weichgelötete Teile streichbrüniert. Beides kann – professionell ausgeführt – seinen Zweck erfüllen und gut aussehen. Letzteres ist auch eine Geschmackssache, wobei die meisten der Meinung sind, dass eine sehr gute Brünierung immer einen leichten Blauschimmer haben muss und nicht zu 100 % ins Schwarze gehen soll. Man spricht daher auch von „Mitternachtsblau“. Schlecht wäre es, wenn der Farbton ins bräunliche geht, wobei da mit „schlecht“ nur der optische Zustand gemeint ist, nicht der technische.

Dietmar Krüger: „Bei dem Streichverfahren werden die polierten und entfetteten Läufe mit der Beize, bestehend aus Eisen(III)chlorid, Kupfersulfat und Alkohol, gleichmäßig und mehrfach gestrichen. Meist nimmt man dazu einen Handschwamm. Dies erfordert einige Übung, damit es an allen Stellen gleichmäßig ist und es keine Tröpfchenbildung gibt. Danach muss es 10 bis 12 Stunden trocknen oder kann mittels Wasserdampfkammer um die Hälfte verkürzt werden. Nach dem Abkochen in reinem Wasser, trocknen die Läufe durch Eigenwärme erneut. Danach erfolgen eine Oberflächenoptimierung, ein Entfernen von porösen Schichten und einerneutes Auftragen der Beize. Das kann bis zu sechsmal so gehen, je nach Ausgangsmaterial und der gewünschten Farbtiefe. Zum Schluss werden die Läufe mit kochendem Wasser behandelt, das mit einem kleinen Chemikalienzusatz – wie Tannin oder Blauholz – versehen ist. Nach einem letzten Austrocknen wird alles mit einem säurefreien Öl eingerieben, um ein Nachrosten zu vermeiden.“

Beim Tauchbrünieren werden die zu behandelnden Teile in ein Becken mit Beize getaucht, das hautsächlich aus Natriumhydroxid und Natriumnitrat besteht. Dieses sollteum die 140° C Grad heiß sein und die Teile darin eine gute halbe Stunde verbleiben. Dabei entsteht während des chemischen Prozesses eine Eisenoxid-Schicht. Nach einem einfachen Spülen und Einölen ist die Prozedur beendet, die wesentlich schneller und nicht so personalintensiv ist.

Dietmar Krüger: „Eine Tauchbrünierung ist zwar schneller und nicht so aufwendig, eignet sich jedoch nicht für weichverlötete Waffenteile. Durch die andere chemische Zusammensetzung des Brünierbades wird die Lötnaht – insbesondere das Zinn und Blei – angegriffen und das Weichlot löst sich auf.“

Damit die Leidenschaft aber auch messbar, in verwertbare Zahlen zu packen ist, gibt es einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich um die Qualitätssicherung (QS) kümmert. In seiner abgetrennten kleinen Werkstatt macht er Stichproben von dem gelieferten Material, ob es den Ansprüchen genügt oder Fehler aufweist. Er kontrolliert im Maschinenpark, ob die Justierungen stimmen, hält Supervision bei der Endkontrolle und prüft natürlich einzelne Gewehre in Theorie und Praxis, bevor sie das Werk verlassen. Eine wichtige Institution, die es in dieser professionellen Form nicht bei allen Herstellern gibt.

 

Gravuren

 

Ein weiteres Beispiel für die interne Betriebskompetenz ist Annemarie Mack. Sie ist festangestellte Graveurin und seit vielen Jahren auch Jägerin, was in dieser Kombination selten ist. Sie war schon mehrfach zur Auslandsjagd, u. a. in Südafrika. So hat sie natürlich einen komplett anderen Bezug zu den Tieren, die sie tagtäglich in dem kleinen Atelier auf das Metall zaubert. Ausdrucksstark sind ihre Gravuren, man kann an vielen Details sehen, dass sie das Wild kennt, seine Eigenheiten wie Muskelspannung und Körperproportionen. Krieghoff arbeitet mit fünf fest angestellten Graveuren, die vor Ort oder Zuhause arbeiten. Für besondere Aufträge gibt es noch ein bundesweites Netzwerk mit freischaffenden Lohnarbeitern. Schon in den 1930 Jahren wirbt Krieghoff: „Fotografieren Sie den Winkel Ihres Reviers, den Sie besonders lieben oder die Höhenzüge, in denen Sie mit Vorliebe jagen oder Ihre Jagdhütte, Ihren Hund und geben Sie uns diese Bilder für unser Gravurabteilung. Dann wird Ihnen Ihr Gewehr nicht mehr nur ein Schießwerkzeug sein, sondern Sie werden auch dann Ihre Freude daran haben, wenn Sie es betrachten, ohne damit zu schießen. Wir geben zu, die Gravur und schön gemasertes Schaftholz sind nicht das wichtigste am Gewehr,aber es schmerzt uns, einen Drilling oder eine Flinte nüchtern und nackt wie ein Militärgewehr hinauszuschicken.“

Auch heute noch kann man ein Foto einsenden oder sich spezielle Motive zusammenstellen lassen. Oder die Spezialisten stellen die Auswahl zusammen, wobei sie auf eine hausinterne Sammlung zurückgreifen, in der die Klassiker wie Brehms Tierleben oder die Werke von Kuhnert stehen. Auch alle Ausgaben der Jagdzeit International stehen im Sammelregal und werden gerne zur Motivwahl genommen.

Dazu der Graveurmeister Michael Oke (Spezialist für ornamentale Gravuren, besonders für „Feines Englisch“):

„Jagdgewehre waren schon immer mehr als reine Gebrauchsgegenstände. Neben ihrer zunächst einmal wichtigen Funktionstüchtigkeit im jagdlichen Einsatz waren und sind sie auch in ihrer äußeren Gestaltung stets ein Ausdruck von Stil, Stand und Persönlichkeit. Dies gilt heute mehr denn je: In unserer von DIN-Normen und standardisierten Produktionsmethoden geprägten Welt ist es das uralte Handwerk des Waffengraveurs, der veredelt und individualisiert. Mit künstlerischem Einfühlungsvermögen, Liebe zum Detail und viel Geduld kann ein Könner seines Faches Ihrer Jagdwaffe einen besonderen, einen eigenen Charme verleihen. Eine individuell entworfene und nach Absprache mit Ihnen handgefertigte Gravur wertet Ihre Jagdwaffe zu einem Kunstwerk auf, sowohl in ideeller Weise als auch etwas im Hinblick auf Werterhaltung und Wertsteigerung.“

Wenn man von der reinen Maschinengravur absieht, gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten der Gravurwahl. Der Flachstich ist die grundlegende Gravurtechnik. Der Charakter einer solchen Gravur ist relativ einfach. Es wird nicht so sehr in die Tiefe gearbeitet, trotzdem lassen sich auch komplexe Motive mit Ornamenten oder Tierszenen herausarbeiten. Bei dieser Technik, die sich für nahezu jedes Motiv eignet, werden maximal die Zwischenräume flach herausgearbeitet und zur Kontrastgebung mattiert.

 

Eine Krieghoff Flinte in der Luxusausführung mit Vollgravur, hochwertigem Holz und einem (in der Höhe und Seite) verstellbaren Schaftrücken.

Eine Krieghoff Flinte in der Luxusausführung mit Vollgravur, hochwertigem Holz und einem (in der Höhe und Seite) verstellbaren Schaftrücken.

 

Das sieht ausgezeichnet aus und kann sehr ansprechend sein, dennoch ist es noch relativ einfach und kostengünstig, weil „nur“ in zwei Ebenen gearbeitet wird. Typische Ornamente hierfür sind Blattarabesken, Eichenlaub oder das sogenannte Grundenglisch. Das bekannte und im Vergleich zu diesen Ornamenten feiner angelegte „English Scroll“ kommt ohne umstochenen Hintergrund aus. Die Tiefenwirkung kommt lediglich durch den etwas kräftigeren Druckstich und die Abschattierungen der Gravur zustande.

Oke: „Ich verwende nur einfachste Werkzeuge für meine Tätigkeit, diese aber schon seit Jahrzehnten, sodass ich jede ihrer Eigenheiten kenne. Alles entsteht in reiner Handarbeit, ohne den Einsatz von Maschinen. Nach einem genau mit dem Kunden abgesprochenen und genehmigten Entwurf steht am Beginn der Arbeit das Übertragen des Entwurfes auf das Werkstück, welches ich dazu in einen speziellen, drehbaren Schraubstock spanne. Das mache ich nach alter Väter Sitte mit Hilfe von Reißnadel und Stahlzirkel. Das spanabhebende eigentliche Gravieren geschieht dann mit dem leichten Hammer und den Graviersticheln, die ich je nach Form einsetze. Das sind feine Meißel mit Holzheft in unterschiedlichen Stärken und Formen der Schneide. Den Handstichel benötige ich für die ganz feinen Schattierungen, er wird ohne „Antrieb“ eines Hammers geführt. Den brauche ich wiederum nur, wenn ich tiefer in das Material eindringen muss. Um den herausgestochenen Hintergrund, zum Beispiel bei Blattarabesken, gleichmäßig abzudunkeln, setze ich sogenannte Punzen ein. Sie sehen in etwa wie Nägel aus, haben aber an der gehärteten Spitze eine gravierte Form, die in das Werkstück eingeschlagen wird. Darüber hinaus verwende ich noch Feilen in verschiedenen Hiebstufen und in unterschiedlichsten Formen sowie Schmirgelpapier in diversen Körnungen.“

Bei der Reliefgravur hingegen wird, wie der Name schon sagt, im Relief gearbeitet, das heißt, es handelt sich um eine 3D-Arbeit. Ornamente und Jagdszenen werden wesentlich stärker hervorgehoben, modelliert und gestaltet. Für ein optisch hochwertiges Ergebnis empfiehlt sich die Anlage der Gravur in verschiedenen Ebenen: Der „Grund“ wird bedeutend tiefer als die „Darstellung“ herausgemeißelt, dies können schon mal 2,5 Millimeter sein, sodass sie sich plastisch abhebt. Den Hintergrund einer solchen Reliefgravur kann man mit der Federstichgravur kombinieren, um so noch feinere Darstellungen zu integrieren. Die Reliefgravur eignet sich auch für Einlegearbeiten mit weiteren Materialien wie Gold oder Silber. Die Federstichgravurtechnik, auch Bulino (in Bezug auf den Handstichel, italienisch = bulino) genannt, gilt mit als die edelste Art der künstlerischen Darstellung. Berühmt geworden in Italien und England, findet sie hierzulande in den vergangenen Jahren immer mehr Anhänger.

Der Federstich entsteht mit dem Handstichel. Das Verfahren ist noch überwiegend spanabhebend und das Motiv bildet sich durch das Einbringen und Überlager feinster Stiche. Dieses Verfahren wird oft von hervorragenden deutschen Graveuren angewendet. Beim Bulino, wie es in Italien angewendet wird, handelt es sich um ein hauchfeines, nahezu tiefen- und spanloses Eindrücken eines harten Stahlstichels oder einer Diamantspitze in das Werkstück unter Verwendung eines Mikroskops. Ähnlich dem Pointilismus in der Malerei werden gestochene Linien in einzelne Punkte aufgelöst. Die Kontrastwirkung kommt durch die Variierung der Punktdichte pro Flächeneinheit zustande. Gemein ist beiden Techniken die fotorealistische Darstellung von Motiven.

Durch die hauchzarten, nur wenige hundertstel Millimeter tief eingebrachten, genau platzierten Stiche und Punkte entstehen Bilder von Jagdszenen und Landschaften in höchster Detailtreue. Die gravurartbedingte Dynamik von Licht und Schatten lässt das Motiv ausgesprochen natürlich wirken. Insbesondere das Mikro-Bulino ermöglicht beispielsweise die Darstellung von Höhenzugstaffelungen, die aus dem morgendlichen Dunst ragen, oder sich lichtenden Nebelschwaden, die hier und da mit feinsten Übergängen den klaren Blick auf eine Landschaft freigeben.

Der Eigentümer einer solchen meisterhaften Gravur wird sich oft daran erfreuen, je nach Sonnenstand wird diese auch unterschiedlich wiedergegeben, man spricht dann von einer „lebenden“ Gravur. Wie die Reliefgravur ist diese Form der Darstellung sehr zeitaufwendig, ein einzelnes Tierstück kann schon mal drei Tage Arbeitszeit in Anspruchnehmen und über 1.000 Euro kosten.

 

Maßschäfte

 

Für Gravuren kann man viel Geld ausgeben – und natürlich auch für das Schaftholz. Wenn man etwas mehr Geld in sein Gewehr investieren möchte und nicht die Standardware will, dann sei einem zunächst zu einem Maßschaft geraten. Diese Investition zahlt sich aus, durch bessere Schießergebnisse sowie gewonnenes Vertrauen in sich selbst und die Waffe. Die Anpassung des Gewehres an die Körperproportionen des Schützen ist mit ein Verdienst von Krieghoff. Basierend auf dem Stellgewehr von Eduard Kettner (Köln) aus dem Jahr 1891 – mit dem man sogar schießen kann – kommt man rasch zu dem Schluss, dass mit Universalmaßen nur bedingt zu arbeiten ist.

Das gilt vor allem für den instinktiven Schuss, wie den Flintenschuss oder den Schuss auf bewegtes Wild mit der Büchse. Der alte Schäfter Fleischmann macht sich um die vorletzte Jahrhundertwende an die Arbeit und ermittelt die günstigen Schaftmaße in Bezug auf Länge, Senkung und Schränkung. So wird ein Rechenverfahren entwickelt, das es erlaubt, aus den Körpermaßen die richtigen Schaftmaße zu ermitteln.

Dieses Schaftmaßverfahren wird sogar 1903 unter der Nr. 123902 patentiert. Noch heute wird darauf in Teilbereichen zurückgegriffen, wobei man nun aufgrund der guten Beziehungen zu den Weltklasseschützen noch weitere 100 Jahre Erfahrung hat und das System weiterhin stetig verbessert. Ein Standardschaft einer krieghoffschen Jagdbüchse ist 37,0 cm lang, gemessen von der Mitte der Schaftkappe hin zur Mitte des Abzuges. Die Senkung und Schränkung fällt je nach Modell und Kalibergröße unterschiedlich aus. Alles ist gutes europäisches Mittelmaß und passt einem durchschnittlich schlanken Mann um die 1,80 Meter Körpergröße und ohne „Anomalitäten“ wie längeren Armen, kürzerem Hals, Augenfehler usw. Aber eben nur dann. Natürlich gilt auch hier der alte Lehrsatz: „Any gun will do, if you will do“, aber wir sind auf der Jagd und nicht im taktischen Einsatz und da ist etwas Individualität schon erwünscht. Dass der Schaft für längere Arme länger sein muss, bei breitem Schädel und dicken Wangen aus dem Gesicht geschäftet werden muss oder bei langem Hals die Senkung im Anlagepunkt anders sein muss, ist kein Geheimnis. Man sollte es aber nicht übertreiben und sich immer von zwei Personen getrennt vermessen lassen, oftmals weichen die ermittelten Maße voneinander ab und man muss zunächst mal auf den Stand und die Zwischenergebnisse ausprobieren. Krieghoff bietet da einen 24 Stunden-Service an, der gerne genutzt wird. Die Kunden verbleiben solange in der Stadt und verbinden den Aufenthalt nicht selten mit einem Kurzurlaub.

Auch andere Konfigurationen können individuell eingestellt werden, sei es das Abzugsgewicht, der Zielfernrohrabstand oder die Lauflänge. Hierfür gibt es ebenfalls hauseigene Spezialisten. Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass bei den Doppelbüchsen bis Kaliber 9,3 eine Mündungsverstellung erhältlich ist. Über den Sinn und Zweck kann man streiten, aber der Kunde ist bekanntlich König. Früher gab es sie auch in größeren Kalibern bis in die .400-Diameter-Klasse, hat sich dort aber im Dauergebrauch nicht bewährt.

 

Lehrwerkstatt

 

Eine weitere Besonderheit bei Krieghoff ist die Lehrwerkstatt: Schon beim Betreten des großen rechtwinkligen Raumes wird klar, dass hier mit einem ganzheitlichen Konzept die Ausbildung der jungen Leute betrieben wird. Tafeln mit wichtigen Konstruktionsprinzipien, Schaukästen und jedes Gewehr von Krieghoff als Schnittmodell hängen an den Wänden. Auch hier gilt das schon mehrfach genannte Credo Leidenschaft.

Vorgelebt wird diese von dem Ausbildungsleiter Manfred Eberle, der dem Nachwuchs mit Motivation und als Vorbild zur Seite steht, mehr als väterlicher Freund, als Mentor, denn als der bekannte launige Meister mit Stehkragen und grauem Kittel. Eberle ist ein guter Schütze und ein begnadeter Handwerker, der jede Arbeitstechnik ausführen kann. Er zeigt den jungen Menschen die notwenigen Grundlagen, wie Sicherheit am Arbeitsplatz und im Umgang mit Waffen, die Feinheiten der Werkstoff- und Werkzeugkunde und so weiter. Dieses Wissen gilt es dann unmittelbar umzusetzen, denn im ersten Lehrjahr fertigt der angehende „BüMa“ sein Werkzeug selber. Vom Hammer über die Säge bis zur Feile, alles hat er mit eigenen Händen hergestellt und baut damit später die Gewehre. Der Beruf des Büchsenmachers ist aus drei Spezialisierungen zusammengesetzt: Rohrmacher, Systemmacher und Schäfter. Es gibt kaum einen Beruf, bei dem so viel technischer Sachverstand und praktisches Können verlangt wird. Und das bei den zwei großen Werkstoffen Holz und Metall, zunächst einzeln und dann in Kombination. Büchsenmacher ist ein anerkanntes Berufsbild in Deutschland und der EU mit drei Jahren Ausbildungszeit. Laut staatlicher Ausbildungsordnung stehen die Techniken der Metall-, Holz- und Kunststoffbearbeitung auf dem Lehrplan sowie Waffentechnik, Ballistik, Optik und die rechtlichen Grundlagen des Waffengesetzes. Die Ausbildung findet kombiniert in einem Meisterbetrieb und in einer Berufsschule statt.

 

Ein Blick in die Endmontage der Baskülen, was auch heutzutage noch überwiegend per Hand erfolgt.

Ein Blick in die Endmontage der Baskülen, was auch heutzutage noch überwiegend per Hand erfolgt.

 

Derzeit existieren eine Berufsschule für Büchsenmacher in Baden-Württemberg (Ehingen) und eine Berufsfachschule für Büchsenmacher in Thüringen (Suhl), wobei die Lehrlinge von Krieghoff ins nahe gelegene Ehingen gehen.

Manfred Eberle: „Die schulische Ausbildung läuft heutzutage im Blockunterricht ab, wobei neben allgemeinen Unterrichtsfächern zusätzlich Werkstofftechnik, technische Mathematik und Kommunikation, Informatik, Hydraulik, Pneumatik, SPS und CNC-Technik, aber natürlich auch Jagdwaffenkunde, Ballistik und Schießen unterrichtet werden. Wir machen hier im Werk dagegen mehr die praktischen Dinge, die ‚meine‘ Jungs ebenfalls sehr gut umsetzen.

Die von anderen Handwerksmeistern oft geäußerte (Stammtisch-)Aussage: ‚Die jungen Leute taugen alle nichts mehr‘, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Bei uns sind alle mit großem Engagement bei der Sache und viele nehmen große Mühen auf sich, um hier ihren Traumberuf zu erlernen.“

Und es sind nicht nur junge Männer, auch junge Frauen haben hier schon ihre Lehrjahre durchlaufen und ihre Prüfungen an der Berufsschule mit exzellenten Leistungen bestanden. Leider sind diese danach teilweise in andere Berufe abgewandert. Zurzeit hat Krieghoff sechs junge Männer der Ausbildung, die nach bestandener Prüfung zum Büchsenmacher auch übernommen werden, wenn sie es möchten.

 

Innovationen

 

Die Krieghoff Kombi-Handspannung ist in allen Krieghoffbüchsen und auch in einigen Flinten verbaut. Damit hat man den großen Vorteil, dass man mit einem geladenen, einsatzbereiten Gewehr, das dennoch absolut sicher geführt werden kann, auf die Jagdgeht. Theoretisch kann weder ein Unfall (z. Sturz) noch ein technischer Defekt (z. B. Versagen einer Fangstange) eine ungewollte Schussabgabe auslösen. Der Handspanner wird dabei wie ein Sicherungsschieber verwendet, nach vorne geschoben ist das Gewehr „scharf“, nach hinten geschoben ist es „sicher“. Ein Vorteil von Krieghoff ist, dass es gleichzeitig auch ein Selbstspanner ist, d. dem Schließen der Büchse sofort weitergeschossen werden, man muss nicht erneut spannen.

Ich bin generell ein Fan des Handspanners, wenngleich das viele Berufsjäger etwas anders sehen. Vor allem der höhere Kraftaufwand beim Vorwärtsschieben wird nicht selten bemängelt und dass man das in einer Stresssituation nicht immer intuitiv schafft. Wie so oft gibt es hier verschiedene Meinungen, doch es ist wohl eher eine Sache der mentalen Einstellung, als der Technik. Klar ist ebenso, dass die Themen Sicherung/ Handspanner nur im deutschsprachigen Raum interessant sind. Auf dem größten Markt, den USA, interessiert das niemanden, man ist dort meist mit der „unsicheren“ Abzugssicherung, die nur auf den Abzug wirkt zufrieden.

Eine weitere Innovation in Bezug auf die Krieghoff Doppelbüchse Classic ist der Ejektor. Seit 2013 – gute 20 Jahre nach der Markteinführung dieses Gewehrs – gibt es nun auch die Möglichkeit des automatischen Auswurfs der abgeschossenen Hülsen. Lange Jahre war dies ein Mangel, denn im Gegensatz zu dem bekannten Taylor-Statement (1948), dass „Ejektorengeräusche den Standort des Schützen verraten und ihn somit in Gefahr bringen“, wollten die meisten Jäger durchaus einen haben. Den bekommen sie nun und einen ausgefeilten noch dazu: Ist der Spannschieber vorne, werden die abgeschossenen Hülsen beim Abkippen ausgeworfen, ist der Spannschieber zurückgenommen, sind auch die Ejektoren ausgeschaltet, man kann die leeren Patronen einfach ausziehen. Bem Kugellauf des Drillings ist das zurzeit technisch noch nicht möglich, es dürfte auch schwierig zu konstruieren sein, aber man braucht ja bekanntlich immer Raum für Verbesserungen.

Krieghoff verbaut in allen Kombigewehren fast ausschließlich Blitzschlosse. Dabei befinden sich alle Teile, wie zum Beispiel Schlagstücke und Schlagfeder, auf der Abzugsplatte, dem Schlossblech, auch Züngelplatte genannt. Über die Spannstangen, die durch die Basküle reichen und in Ausnehmungen im Vorderteil ein Gegenlager besitzen, spannen sich beim Abkippen des Laufes die Schlagstücke. Der Vorteil: Nachdem man die Abzugsplatte abgeschraubt hat, kann das ganze Schloss samt Abzugseinrichtung aus der Waffe entfernt werden. So kann man kostengünstig fertigen.

Eine Besonderheit ist hier das von Krieghoff patentiere Universal- Abzug-System (UAS) und die Kombi-Handspannung: Schnell und intuitiv die Kugel ins Ziel bringen, günstige Situationen auf der Pirsch oder einer Bewegungsjagd nutzen – das geht meist nur mit einem optimalen, gleichmäßigen und leichtgängigen Abzug. Ein zu hohes Abzugsgewicht geht dagegen auf Kosten der Präzision. Eine ungewollte Schussauslösung, z. B. auf der winterlichen Drückjagd durch einen kalten Abzugsfinger mit verringertem Gefühl, ist wiederum die große Gefahr bei einem zu geringen Abzugsgewicht. Dafür steht das UAS, es löst trocken und präzise bei 1,0–1,5 kg aus, ohne dass die Gefahr des Doppelns besteht. Bei den meisten Kalibern ist auch der Einsatz eines Rückstechers möglich.

Eine entspannte Waffe ist eine sichere Waffe. Jede Krieghoff mit Kombi-Handspannung wird ungespannt und sicher geführt. Erst unmittelbar vor der Schussabgabe wird der ergonomisch gestaltete Kickspanner leicht und praktisch geräuschlos nach vorne geschoben. Das Gewehr ist erst dann gespannt und schussbereit. Kommt man nicht zu Schuss, wird einfach durch ein kurzes Vordrücken und Zurückgleitenlassen des Spannschiebers wieder entspannt. Belässt man den Spannschieber beim Abkippen des Laufbündels in vorderer Stellung – z. B. bei einem schnellen Nachladen – wird wie bei einem Selbstspanner automatisch nachgespannt. Es kann nach dem Schließen sofort weitergeschossen werden.

 

Kaliber

 

Krieghoff bietet eine breite Kaliberpalette an, von den kleinen Schonzeitpatronen in .22 Hornet bis zu den mächtigen Elefantenstoppern in .500 NE. Interessant sind auch besondere Kaliber, die direkt auf die Firma zurückgehen: beispielsweise die 6×70 R, die ihre Marktreife im Jahr 2000 erreichte. Das Ziel dieser Entwicklungsollte eine lange, schlanke, stiftförmige Patrone sein, die in schmale Baskülen passt, ausreichend Leistung für das mitteleuropäische Wild hat und ein sehr mildes Rückstoßverhalten aufweist. Das Zauberwort „Wildbretschonung“ kommt hier auch zur Geltung, wobei sicher noch etliche weitere Attribute mit einfließen.

Der deutsche Munitionsexperte Wolfgang Romey nahm Ende der 1990er Jahre die Herausforderung an und begann mit der Ausgangshülse in 6,5×70 R, die die deutlichste „Stiftform“ hatte, und zog diese auf. Romey brachte sie mit Einzelstücken zur CIP-Zulassung und Norma sicherte dann die endgültige Munitionsherstellung, mit einem 90 Grain (5,8 g) Nosler Ballistik-Tip-Geschoss. Damit erreichte sie aus der ersten Testwaffe, einer Hubertus KLB, einen Streukreis um die 3 cm, 750 m/s und 1.650 Joule Mündungsenergie.

Auf 100 Meter waren es dann 1.200 Joule und auf 200 Meter immerhin noch 990 Joule. Die mit ihr erlegten Rehe zeigten jedoch starke Hämatombildungen, wie sie bei Rasanz-Kalibern häufig sind. Romey fertigte daraufhin eine Munitionsserie mit 80 Grain Sierra-Game-King-Geschossen, die etwas härter im Aufbau sind und auch eine (theoretisch) bessere Windstabilität haben.

Mit dem Sierra Game King waren die Tester zufrieden, die Munitionsherstellung war erstmal sichergestellt. Später fertigte auch Jaguar/ LfB Munition für dieses Kaliber. Für 42 Euro erhielt man 10 Patronen mit einer etwas stärkeren Leistung als die beiden erstgenannten und einer GEE von 168 Metern. Aber nach dem „Skandal“ um Zulassungsschwierigkeiten vor gut drei Jahren wurde es ruhig um diese Firma. Die „6×70 Krieghoff“ ist ein Kaliber, das man beachten sollte. Gerade in Verbindung mit einem Drilling, der ein stärkeres Kaliber für das Hochwild hat sowie ein leistungsfähiges Schrotkaliber, ist es eine gute Wahl.

Eine hervorragende Kombination ist 8×57 (große Kugel), 6×70 R (kleine Kugel) sowie 20/76 (Schrotlauf).

Aber auch für Einsteckläufe – gerade in 12er Drillingen – ist diese Kreation gut geeignet und hat einige begeisterte Anhänger. Keppler, Keller + Simmann u. a. bieten für knapp über 1.000 Euro mündungslange Varianten an, die vom Fachmann leicht zu montieren und vor allem zu justieren sind.

Die 6×70 R, die 6×52 R und 5,6×50 R haben annähernd dieselbe Leistung, letztere mit dem höchsten Gasdruck und der kleinsten Hülse und daher nicht ganz so empfehlenswert. Die 6×70 R eignet sich aufgrund ihres niedrigen Gasdrucks natürlich gut für einen Einsatz im Schrotlauf eines Drillings, da die Verschlussbelastung nicht groß ist. Aber auch das sollte nicht zu hoch bewertet werden, denn wie oft schießt ein Jäger damit im Jahr? Ich kenne etliche Jäger, die sich Einsteckläufe in schnellen 7-mm- oder gar starken 8-mm-Varianten haben einbauen lassen. Selbst nach über 300 Schuss ist keine Undichtigkeit festzustellen, auch wenn man die Wahl nicht als ideal bezeichnen kann.
Mein persönlicher Tipp: Die Kombinierte vorher auf Dichtigkeit prüfen lassen und dann einen hochwertigen, mündungslangen Einstecklauf (möglichst in einem moderaten, gasdruckschwachen Kaliber) verwenden. Einbau, Justierung und Einschießen sollten nur durch einen ausgewiesenen Fachmann geschehen. Momentan ist die 6×70 R allerdings wenig gefragt. Sie hat nicht so „eingeschlagen“ wie man sich das erhoffte. Aufgrund der Munitionsverfügbarkeit kann man aktuell nur von einem Kauf abraten, selbst Krieghoff hat diese Patrone und keine einzige Neuwaffe mehr im aktuellen Katalog (2016), was man kritisieren muss. Im Nachhinein hätte man wohl besser die 6,5×70 R wiederbelebt, aber man wollte etwas Eigenes.

Das zweite Kaliber, das direkt auf Krieghoff zurückgeht, ist die .500/416 3 1/4 Nitro Express. Sie ist die neueste Nitro-Express- Patrone und hat eine lange Vorgeschichte. In mehreren Publikationen ist beschrieben, dass Rigby schon vor über 100 Jahren mit einer Randversion der bekannten .416 Rigby Repetier-Patrone experimentierte, dieses Projekt aber wegen den Wirren des Ersten Weltkrieges aufgab und später nicht weiter verfolgte.
Um 1990 greifen Chapuis und ASquare die Idee wieder auf.

Art Alphin (ca. 1989): „Viele Büchsenmacher wünschten sich eine neu designte Nitro-Express-Patrone. Ein Kind der Neuzeit. Basierend auf der bekannten Rigby-Patrone, aber mit Rand für Kipplaufgewehre. Sie muss u. a. neutral gestempelt sein, sodass verschiedene Hersteller sie verwenden können.“

Sie bringen die Patrone auf den Markt und nennen sie .416 Rimmed. Aber sie ist ihnen zu langsam und deswegen verlängern sie die Hülse, um mehr Platz für das Pulver zu erhalten und geben ihr den heroischen Namen .416 Gerlach, in Bezug auf den deutschen Physiker Walter Gerlach, der durch spezifische Verbesserungen die Geschwindigkeit von Militärwaffen modifizierte.

Doch auch dieses Projekt floppt. Walter Brass, der schon über 60 Jahre für Krieghoff arbeitet, ist die gesamte Karriereleiter aufgestiegen. Er war von 1989 bis 2002 zudem Geschäftsführer und bringt das Projekt unabhängig und schnell – wiederum mit Hilfe von Wolfgang Romey – voran: 1,27 mm kürzer als die .416 Rimmed, aber mit verbesserter Charakteristik und einem stimmigen Gesamtkonzept namens .500/416 NE. 1991 können der Fachpresse die ersten Prototypen präsentiert werden, seit 1993 gibt es die Serienreife. Auch andere Hersteller fertigen seit den 2000er Jahren Gewehre für dieses Kaliber und besonders in den USA bildet sich langsam aber sicher eine Fangemeinde.

Die .500/416 NE ist eine schlanke Patrone mit einem schönen Hals, der ein schnelles Nachladen ermöglicht. Sie erreicht im Vergleich zu anderen Patronen der .450–.475er Klasse eine um die 10% gestrecktere Flugbahn und eine günstigere GEE. So erreicht z. B. die African PH von Norma eine V0 von 710 m/s und hat auf 50 Meter immer noch 670 m/s, im Gegensatz dazu hat die .470 NE eine V0 von 635 m/s, welche bei 50 Meter nur noch 595 m/s beträgt. Bei der neuen Sax BSC liegt bei der .500/416 NE die V0 bei 845 m/s und hat eine GEE von 173 m, bei der .470 NE stehen die Daten bei 759 m/s und einer GEE von 156 m.

Ihre Ausgangsbasis ist die .500 (3 1/4) NE bei voller Hülsenlänge von 82,55 mm und 60,96 mm entfernter Schulter vom Hülsenboden. Letzteres gibt ihr ein schönes Aussehen und erinnert ein wenig an die bekannten Zigarren-NE-Patronen wie die .475 No. 2 NE, die ja als die „schönste“ Doppelbüchsen-Patrone schlechthin gilt. Die 500er Hülse gibt es in ausreichenden Mengen und muss nicht speziell hergestellt werden. Sie stand auch schon Pate bei der NE-Patrone schlechthin, der .470 NE, aber auch bei der .500/450 NE oder gar bei der .500/465 NE, die gerne von Holland & Holland verbaut wird. Sie hat ein .416-Zoll-Kaliber (10,57 mm), was eine weltweite Versorgung sicherstellt, da jeder namhafte Geschosshersteller diese im Programm hat, so zB. Hornady, Kynoch, Norma, Sax, Speer oder Woodleigh. Klassisch wird ein 410-Grain-Geschoss (26,6 g.) verschossen, was bei der Konstruktion dieser Patrone eines von Woodleigh war.

Sie erreicht damit ca. 715 m/s, was bei 61 cm Messläufen eine Energie von 6.696 Joule an der Laufmündung ergibt, bei ca. 2.590 bar Gebrauchsgasdruck. Die .500/416 NE ist eine ausgewogene Patrone, die auch noch von Personen geschossen werden kann, die nicht besonders „rückstoßstabil“ sind.

 

Das neue KSB-Geschoss (Krieghoff Segmentation Bullet) verspricht: Durch kontrollierte Zerlegung in nur drei Splitter mit verhältnismäßig hoher Masse und großer Querschnittfläche wird extreme Tiefen-wirkung der Splitter, gepaart mit hoher Energieabgabe, erreicht.

Das neue KSB-Geschoss (Krieghoff Segmentation Bullet) verspricht: Durch kontrollierte Zerlegung in nur drei Splitter mit verhältnismäßig hoher Masse und großer Querschnittfläche wird extreme Tiefen-wirkung der Splitter, gepaart mit hoher Energieabgabe, erreicht.

 

Schussleistung

 

Natürlich packen wir bei unserem Besuch auch die Gelegenheit beim Schopfe und probieren die verschiedenen Gewehre im hauseigenen Stand und im Schießzentrum Müller in Ulm (MSZU) aus: Zunächst kommt die Semprio an die Reihe, im Kaliber .30-06, welches bei Krieghoff das meistverkaufte ist. Vorgestellt 2007 – und nachdem einige Kinderkrankheiten herauskonstruiert sind – ist sie heutzutage ein technisch hochwertiges und innovatives Gewehr, ideal für Personen, die schnelle Schussfolgen lieben oder etwas Außergewöhnliches haben wollen. Repetiert wird vom Rechtsschützen mit der linken Hand, indem er die gesamte vordere Baugruppe kurz nach vorne schiebt und wieder zurückzieht. Im Gegensatz zu anderen „Pumpen“, wie z. B. der Mossberg 500 oder der Remington 870, ist die Funktionsweise der Semprio genau andersherum: erst nach vorne, dann nach hinten. Man zieht so auch die Waffe bei der finalen Bewegung nach hinten in die Schulter ein und stößt diese nicht vom Oberkörper weg. Eigentlich viel logischer, da wundert es, dass da nicht schon der Erfinder Browning darauf gekommen ist. Dennoch sind die ersten Trockenübungen etwas schwierig, wer über 30 Jahre die Slide Action andersherum bewegt hat, muss sich umstellen. Ich bekomme eine Doppelbüchse im hauseigenen Kaliber .500/416 NE mit V-Kimme. Da sieht man mal wieder, worauf es in der Praxis ankommt. Zwei Schuss mit schneller Abfolge, zwei Treffer in der Zehn auf 20 Meter sind ein ordentliches Ergebnis für einen solchen „Schnelltest“. Da Krieghoff ein alteingesessenes Unternehmen ist, möchte ich auch mal zwei alte Gewehre von Krieghoff testen: Dies ist zunächst eine BBF, Modell Teck, mit 63,5-cm-Läufen im Kaliber 12/70 und 7×65 R. Sie stammt aus einem Erstbesitz, Baujahr 1975 und ist kaum benutzt. Feines Wurzelmaserholz, der Entstehungszeit angemessene Gravuren, ein Flintenwechsellauf und ein Lederkoffer lassen auf einen solventen Besitzer schließen. Montiert ist ein Zeiss Diavari 1,5-6×42. Geschossen mit der SAX KJG, auf 100 Meter aufgelegt, erreicht sie 4,1 cm Streukreis, was als gut zu bezeichnen ist.

Die zweite im Bunde ist eine Krieghoff K-80 aus dem Jahr 1982, also zwei Jahre nach Markteinführung. Das ist die Erfolgsserie von Krieghoff, Weltmeister und Olympiateilnehmer vertrauen auf sie. Sie hat einen bekannten deutschen Wettkampfschützen bis weit in die 1990er Jahre hinein begleitet und mindestens 200.000 Schuss auf dem Buckel. Laut Krieghoff USA gibt es einige Modelle mit über einer Million Schuss, diese K-80 sieht zumindest auch so aus: Von Brünierung kannman nicht mehr reden, die Bezeichnung Holzfinish bekommt hier eine andere Bedeutung … Aber darum geht es gar nicht. Sie war zweimal in ihrem Dasein zur Überholung bei einem Fachmann und hat – obwohl mehrfach probiert – kein Spiel, kein Wackeln. Augenscheinlich sind keine größeren Schäden zu erkennen, die Läufe sind sauber und auf dem Parcours-Stand holt sie in den Händen ihres Besitzers immer noch verlässlich die Scheiben vom Himmel. Sie ist kräftig im Design, ausgewogen, das Gewicht liegt angenehm zwischen den Händen. Auch wenn es mittlerweile in Technik undDesign einige Modifikationen gegeben hat, funktioniert sie immer noch gut, was sie mit einem ungewöhnlichen Schusstest, auf 50 Meter aufgelegt, mit fünf Schuss Rottweil Exact und einem Streukreis von 6,4 cm – alle aus dem oberen Lauf geschossen, mit je gut einer Minute Abkühlphase – beweist.

 

Gebrauchte Gewehre

 

In den vergangenen Jahren hat sich der Trend von Verkaufsanzeigen in Fachmagazinen oder von Offerten beim örtlichen Büchsenmacher hin zu den digitalen Medien gewandelt und „eGun“ ist die größte deutsche Waffenhandelsplattform geworden. Sei es zum Kauf/Verkauf oder nur zur Bestandsaufnahme, zur Wertermittlung. Ein Blick ins Angebot offenbart sofort die hohe Stellung von Krieghoff, durchschnittlich sind meist 30 Gewehre eingestellt. Wertbeständigkeit ist ein oftmals verwendeter Begriff, wenn man sich den hohen Preis eines neuen Jagdgewehrs schönreden will. In den 1970er und 1980er Jahren sprach man von Wertanlage, was Quatsch war und ist. Natürlich gibt es Ausnahmen wie etwa alte Safari-Doppelbüchsen, aber meist ist es das eben nicht. Wer sich damals ein Gewehr in der Hoffnung kaufte, dieses später mit Gewinn wieder zu veräußern, wird heute nur noch einen Bruchteil dessen bekommen.

Zurück zu eGun: Knapp 20 Krieghoff-Gewehre habe ich über den Sommer 2015 beobachtet und im Mittel kann gesagt werden, dass man bei ordentlich gepflegten Gewehren gut 30 bis 40 % des Neuwertes bekommen kann. Manche Konfigurationen sind gesuchter: ausgewogene Kaliberkombinationen, besseres Holz, kein sinnloses Zubehör.

Für anderes erhält man weniger: Exoten, Schaftverschneidungen oder aufwendige Gravuren im veralteten Stil will heute kaum einer mehr haben.

 

Finale

 

Ich empfehle immer, ein hochwertiges Gewehr in der Konfiguration zu kaufen, wie man es sich erträumt. Lieber etwas länger warten bzw. suchen, als später nachzubessern. Bei Krieghoff bekommt man alles, verlässliche Gebrauchsgewehre um die 3.000 Euro bis hin zu Prunkbüchsen um die 100.000 Euro. Ich habe dort exklusives Handwerk gesehen, funktionale, treffsichere Gewehre geschossen und ein Stück Krieghoff‘sche Leidenschaft erlebt.

FOTOS: DR. METZNER UND ARCHIV

 

Jagdzeit AG

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