Jagd

Australien – Auf Wasserbüffel und Banteng

Von  | 

Keine befestigten Straßen, keine Farmen, keine Zäune – nur die weite Wildnis des Arnhemlandes erwartet uns auf dem Weg ins Buffalo Camp, einem Fly Camp, das Graham in diesem Jahr in der Nähe von Mount Catt an einem Flusslauf eingerichtet hat, der auch die Trockenperiode über noch so viel Wasser führt, dass das Camp mit Brauchwasser versorgt ist. Schon auf der Fahrt ins Camp haben wir Wasserbüffel in Anblick, kleinere Herden mit Kühen, Kälbern und dem ein oder anderen Herdenbullen – noch nicht die bis zu 1.000 kg schweren, alten Big Bulls, für die wir hier hinaus ins Outback gekommen sind.

 

Rob und ich jagen 2:1 auf Büffel und haben ausgemacht, dass wir immer abwechselnd unser Glück versuchen wollen. Heute Morgen ist Rob an der Reihe und wir sind schon kurz vor Sonnenaufgang mit dem Landlux, einem Hybriden aus Toyota Hilux und Series One Land Rover, unterwegs, dessen kurzer Radstand ihn durch jedes Wasserloch bringt und der uns später als Bergefahrzeug gute Dienste leisten wird. Der Plan heute ist, einen vom Camp weiter entfernten trockenen Flusslauf zu erreichen und zu sehen, ob wir an den verbliebenen Wasserstellen einen der alten Bullen finden können. Überall treffen wir auf Büffelwechsel und stoßen auf junge Bullen, die in kleinen Trupps unterwegs sind. Ihre Anwesenheit macht die Pirsch abwechslungsreich, aber auch schwieriger, denn oft müssen wir das Wild umschlagen oder warten, bis es ruhig weiterzieht, ohne unsere Anwesenheit durch eine Flucht zu verraten. So furchtlos und manchmal neugierig die jungen Wasserbüffel auch auf uns wirken, die alten Bullen sind misstrauische Einzelgänger, die auch mit der Gesellschaft ihresgleichen nicht viel im Sinn haben.

Wir sind nun seit drei Tagen unterwegs auf der Suche nach einem alten Bullen, aber es ist wie verhext. Unter den vielen Wasserbüffeln, denen wir begegnen, sind einige gut veranlagte Bullen, aber keiner von ihnen hat das richtige Alter. Kurzzeitig überlegen wir sogar, eine alte Kuh zu erlegen, die offensichtlich über dem Zenit ihrer Jahre ist und mit einer ausladenden, extravagant geschwungenen Trophäe lockt.

Es geht weiter, wir laufen, glasen, orientieren uns mit Karte und GPS, prüfen den Wind und suchen in der Nähe von Schlammlöchern und Billabongs nach Wasserbüffeln. Gegen Abend treffen wir auf eine Gruppe Büffel, die verteilt durch hohes, dürres Gras zieht. Mittendrin ist ein Buckel zu erkennen, der stärker ist als die anderen. Diesen versuchen wir anzugehen, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Mit dem Laden der Repetierer kommt Spannung und ein Anflug von Jagdfieber auf. Nach den vielen Kilometern unter der heißen Sonne wollen wir alle Beute machen und ich bin an der Reihe, einen Büffel zu erlegen. Vorsichtig pirschen wir bis in die Mitte der weit verteilten Herde. Der „starke Buckel“ erweist sich als zu jung – weshalb er wahrscheinlich auch noch in Gesellschaft der Herde zieht.

Graham entscheidet, dass wir uns von der Herde überlaufen lassen und hoffen, dass uns keines der Tiere in den Wind zieht. Der Plan geht zunächst auf, bis wir unsere Richtung ändern müssen – um einen abseits ziehenden starken Bullen anzugehen, den wir als solchen an den für das Alter typischen Höckern über Schulter und Becken erkennen! Einige jüngere Stücke aus der Herde müssen uns mitbekommen haben, jedenfalls sind sie unruhig und fliehen von uns weg. Dem Alten, dem unsere Jagd jetzt gilt, ist diese Unruhe nicht verborgen geblieben, denn er reckt den Windfang nach oben und prüft laut schnaufend den Wind. Wir haben die sinkende Sonne im Rücken, doch er muss unsere langsamen Bewegungen erahnt haben. Der alte Wasserbüffel ist sichtlich angespannt, steht jetzt spitz zu uns und hat die Oberlippe nach oben gezogen. Er schnauft und wirkt, als wäre er sich nicht sicher, was dort vor ihm im Gras unterwegs ist. Graham und Rob bleiben stehen, ich gehe langsam auf die Knie und krieche noch knappe 20 Meter in der Deckung eines Termitenhügels auf den Büffel zu. Angedacht war ein Schuss auf den Brustkern, doch als ich am Termitenhügel kniend ziele, ist dieser von trockenen Büschen verdeckt, während das sichernde Haupt still und frei 45 Meter vor mir ein gutes Ziel abgibt. Ich schwanke zwischen aufstehen und den dann sicher abspringenden Büffel flüchtig zu beschießen oder aus der knienden Position eine sichere Kugel zwischen die Hörner zu platzieren. Im Knall fällt der alte Bulle und streckt alle vier Läufe in die Luft. Im Nu ist Graham zu mir gesprintet und wir gehen mit angeschlagener Waffe Richtung Büffel, der jetzt ganz stillliegt. Der Bulle braucht noch drei weitere Schüsse in Wirbelsäule und Kammer, bevor das plötzlich beginnende Schlegeln vorbei ist.

Das Herzstück des Buffalo Camp ist das Küchenzelt aus zwei Vorrats-Trailern, dem Generator und den kleinen Kühlschränken. Hier beginnt und endet jede Pirsch ins Umland.

Das Herzstück des Buffalo Camp ist das Küchenzelt aus zwei Vorrats-Trailern, dem Generator und den kleinen Kühlschränken. Hier beginnt und endet jede Pirsch ins Umland.

Später zeigt sich, dass mein wohlplatziertes Geschoss die Schädeldecke des Bullen nicht durchschlagen, sondern diesen lediglich kurz bewusstlos gemacht hat. Es sind eben meistens die tot geglaubten Büffel, die gefährlich werden, erinnert mich Graham später in der Safari-Bar im Camp daran, warum der Schuss in die Wirbelsäule bei wehrhaftem Wild so wichtig ist, auch wenn der Büffel schon am Boden ist.

Irgendwie scheint der Bann nun gebrochen und Rob und mir gelingt es in den folgenden Tagen, noch zwei weitere starke Bullen erfolgreich anzupirschen und zu erlegen. Der alte Haudegen, den Rob erlegt, lässt uns richtig rennen, denn trotz guter Treffer mit Vollmantelgeschossen flüchtet er noch 300 Meter, bis er in einer Bodensenke niedergeht und nach zwei weiteren Fangschüssen endlich verendet. Die Strategie war abgesprochen: Wenn der Büffel abspringt, geht Rob in der Mitte als erster, Graham als Backup nach rechts, ich als Backup nach links, dann ziehen wir gemeinsam hinter dem Bullen her. Rob schießt alleine, solange er den Bullen im Sichtfeld und Munition hat, danach wir anderen. Keiner hat Lust, einen angeschweißten, eine Tonne schweren Wasserbüffel in diesem Gelände aus dem Blick zu verlieren und mit den Augen auf dem Boden nachsuchen zu müssen.

Der dunkle Umriss eines massigen Wildkörpers ist schemenhaft zwischen den dünnen Stangen der dicht an dicht stehenden Eukalyptusbäume auszumachen. Sind es noch mehr als 30 Meter? Die trockene Luft steht wie in einem Backofen und obwohl wir uns nur langsam bewegen, macht uns die Hitze zu schaffen. Wir sind zu dritt hier draußen. Unsere Truppe hat sich verändert: Rob ist abgereist, dafür ist Kai-Uwe aus Deutschland jetzt mit uns unterwegs, er möchte einen Banteng erbeuten. Graham führt, ich sekundiere mit Fotoapparat und als Back-up.

Das Stück im Stangengewirr ist stärker als die, die wir heute Morgen und gestern Nachmittag in Anblick bekommen haben. Wir sind sicher, dass es ein Bulle ist und glauben, dass er einzeln zieht, können letzteres aber noch nicht bestätigen, denn im dichten Busch haben wir kaum die Möglichkeit, weiter zu sehen als bis zu dem dunklen Schemen zwischen den Bäumen.

Heute Morgen sind Hose und T-Shirt klamm, als ich sie anziehe, und im ersten Moment unangenehm auf der Haut. Doch nicht lange nach Sonnenaufgang verbrennt eine gnadenlos sengende Sonne auch die Erinnerung an diese Ahnung von Kühle und Feuchtigkeit der Morgenstunden. Für mich ist es bei jedem Aufstehen aufs Neue fast unwirklich, die Zeltwand sowie die zum Lüften aufgehängten Klamotten klebrig-klamm vorzufinden. Unser Fly Camp aus Safarizelten und Transporttrailern befindet sich nordöstlich von Jabiru in Arnhemland, fernab jeder Zivilisation. Der letzte Regen in dieser Region ist jetzt, Mitte August, schon Monate her und die morgendliche Feuchtigkeit nur ein Dunst, den die Nachtluft vom nahen Ozean über das flache Land hereinweht. Der Winter im Northern Territory geht in seine letzten Wochen. Im Oktober werden die Nächte hier so heiß sein, dass selbst ein dünnes Leinenlaken anstelle des Schlafsacks zu viel ist. Irgendwann beginnt dann der große Regen und die extreme Trockenheit verwandelt sich in die unendlich scheinende Wasserflut aus andauernden Regenfällen bei Tagestemperaturen weit über 40° C, das ist der Sommer hier im Norden Australiens.

Graham, unser Jagdführer, ist trotz der schnell ansteigenden Temperaturen heute Morgen guter Dinge. Er hält diese Jahreszeit für die beste, um auf den heimlichen Banteng zu jagen, denn die Temperaturen sind nach Outback-Maßstäben moderat und je trockener es wird, desto weniger Moskitos sind unterwegs, um Mensch und Tier das Leben schwer zu machen. Ein anderer Vorteil für uns Jäger ist die schwindende Zahl an Wasserstellen, die das Wild dazu bringt, zwischen Äsungsflächen und Tränken hin- und herzuziehen. Auf diesen Wanderungen haben wir unsere Chance, einen starken Bullen zu finden und vor allem ihn auch erfolgreich angehen zu können.

Wir sitzen jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit im Busch auf dem Boden und spähen in das Dickicht, in dem der schwarze Körper des Banteng zu erkennen ist. Es ist immer noch totenstill, kein Windhauch bewegt die Äste oder lässt das trockene Laub auf dem Boden durcheinanderwirbeln. Ganz vorne, etwas versetzt, kniet Graham und kaut lässig auf einem dünnen Ast, während er versucht jede Bewegung zwischen den Bäumen zu erfassen. Ich nutze Kai-Uwe als Deckung und versuche über seine Schulter zu sehen. Er hat seine R 8 in .375 H&H Magnum geladen und der Daumen liegt auf dem Spannschieber. Aus dem Vorteil, keinen schlechten Wind zu haben, der unsere Anwesenheit dem Bullen verraten könnte, entsteht leider auch der Nachteil, dass in dieser Stille jedes, auch das kleinste Geräusch furchtbar laut erscheint. Noch wissen wir nur, dass wir ein sehr starkes Stück Wild vor uns haben. Ob der Bulle alt und stark genug ist, ist bisher nicht zu erkennen. Dann zieht der Bulle langsam von uns weg und wir müssen folgen, um ihn nicht zu verlieren. In dem dichten Buschwerk laufen wir dazu ständig Gefahr, einem parallel mit dem Bullen ziehenden Stück aufzufallen. Wenn sie einmal Verdacht schöpfen und abspringen, dann haben diese Wildrinder die Fähigkeit, mit einem kurzen Prasseln im Gehölz zu verschwinden und nur schwer wieder auffindbar zu sein.

Der Bulle vor uns zieht beständig weiter und wir versuchen mit fast angehaltenem Atem zu folgen. Der Boden ist mit kleinen dürren Ästen und jeder Menge trockenem Laub bedeckt. Es ist, als wenn wir versuchen wollten, lautlos durch eine Schale Cornflakes ohne Milch zu laufen. Kriechen ist hier schlimmer als nur jeweils zwei Füße vorsichtig auf den Boden zu bringen.

Wir richten uns also wieder auf und winden uns wie in Zeitlupe durch die Büsche und zwischen den stangenholzstarken Bäumen hindurch, immer näher an den nun wieder klar erkennbaren Bullen heran. Vor Spannung schlägt mir das Herz bis zum Hals, als Graham plötzlich in der Bewegung erstarrt und uns mit seiner seitlich ausgestreckten Hand bedeutet, es ihm gleichzutun. Kai-Uwe greift seine Waffe fester und die Spannung ist auch ihm anzumerken. Der Bulle ist jetzt keine 20 Meter mehr vor uns, doch wir haben sein Haupt mit den imposant geschwungenen Hörnern immer noch nicht richtig gesehen. Ob das Wild uns gehört oder einfach nur ein mulmiges Gefühl bekommen hat, weiß ich nicht, aber irgendetwas macht den Bullen misstrauisch. Zum ersten Mal, seit wir begonnen haben, zu ihm aufzuschließen, dreht er sich nach rechts und wir hören seine tiefen, pustenden Atemzüge, mit denen er den Wind prüft und sehen, wie er die Oberlippe aufrollt und das schwere Haupt nach oben nimmt.

Der Bulle liegt, doch Kai-Uwe geht sicher und platziert noch einen weiteren Schuss ins Leben.

Der Bulle liegt, doch Kai-Uwe geht sicher und platziert noch einen weiteren Schuss ins Leben.

Kai-Uwe macht sich langsam fertig, nimmt vorsichtig die Waffe in Anschlag und bereitet sich auf einen schnellen Schuss vor, während Graham versucht, lautlos eine Position zu finden, in der er den besten Blick auf das Haupt des Bullen hat, zugleich Kai-Uwe nicht die Chance verbaut, mitzuschwingen und eine neue Lücke im Geäst zu finden, sollte der Bulle jetzt seitwärts weiterziehen oder abspringen. Alle Sinne sind gespannt und es fühlt sich an, als würde sich die heiße Luft wie eine greifbare Masse um mich legen. Ich bin jetzt sicher, dass der Bulle weiß, dass wir da sind, aber uns noch nicht genau ausmachen konnte. Wieder bläst er, dann macht er einen weiteren Schritt und dreht endlich das Haupt in unsere Richtung. Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie Kai-Uwe das Gewehr in die Schulter zieht und seinen Stand stabilisiert, dann sehe ich, wie Graham rechts vor mir kaum merklich den Kopf schüttelt. Im gleichen Moment durchbricht ein Knacken und Krachen die Stille und ich spüre die Erschütterung im staubtrockenen Boden, als der Bulle vor uns in gewaltigen Sätzen und einer Staubwolke im Busch verschwindet.

Es dauert einen Moment, bis die Spannung von uns abfällt und einer gewissen Enttäuschung Platz macht. Dieser große dunkle Bulle besaß zwar einen gewaltigen Körperbau, war jedoch noch ein paar Jahre von seinem jagdlichen Zielalter entfernt und auch die gut veranlagten Hörner hatten noch nicht die gewünschte Auslage und Länge erreicht. Kai-Uwe lässt den Spannschieber wieder zurückgleiten und muss erst einmal durchatmen. Auch Graham entlädt seine Mauser M 98 Magnum im Kaliber .416 Rigby, die er neben einer .500 Jeffery bevorzugt als Back-up-Gewehr für seine Jagdgäste führt. Wir setzen uns ein paar Minuten, atmen durch und beschließen dann den Rückmarsch ins Camp. Die Sonne hat ihren Zenit bald erreicht und das Thermometer in Kai-Uwes Uhr zeigt 37° C an.

Endlich im Camp und im Schatten unserer Zelte reden wir bei einem leichten Mittagessen über die Ereignisse der Vormittagspirsch und beginnen Pläne für den Nachmittag zu schmieden. Graham schlägt vor, nach einer kurzen Siesta in einem weiten Bogen unser Camp zu verlassen in der Hoffnung, dass wie jeden Nachmittag eine stete, nicht zu starke Brise aufkommt und dann gegen den Wind zum Camp zurückzupirschen. Kai-Uwe hat keine Einwände, ich sowieso nicht.

Trotz aller Zivilisationsferne gibt es übrigens im Camp einen Generator und ein paar 12-Volt-Kühlschränke, in denen Gemüse, Butter und Milch sowie ein paar Dosen mit kalten Getränken in einer auf maximale Auslastung optimierten Packweise untergebracht werden. So schafft es das leise blubbernde Geräusch des laufenden Generators auch schon in einiger Entfernung zum Camp, uns ein erwartungsfrohes Lächeln auf die verschwitzten Gesichter zu zaubern. Gekocht wird auf offenem Feuer sowie dem kleinen Gaskocher neben dem Küchenzelt im Freien. Unser Speisezimmer ist dann ein moskitodichter Pavillon, der es uns nach Einbruch der Dunkelheit erlaubt, noch im Schein der Camplaternen zu speisen, ohne selbst zum Nachtmahl blutsaugender Insekten zu werden. Für einen Westeuropäer ungewohnt ist hier im Banteng Camp auch die begrenzte Wasserversorgung, die nur aus einer Reihe großer Kanister besteht, die wir auf dem Weg ins Camp an einer Wasserstelle aufgefüllt haben. Bei entsprechender Sparsamkeit hatten wir trotzdem alle unsere tägliche heiße Dusche.

Jagdzeit_Jagen-im-Outback-28

Die Schatten werden schon langsam länger, als wir wieder draußen sind und aufmerksam nach Anzeichen für Bantengs in der Nähe suchen. Unser Weg führt jetzt durch eine offenere Landschaft mit wenig Bäumen und blankem, schwarz verbranntem Boden, auf dem das bunte trockene Laub eigentümlich farbenfroh wirkt. Nach einer alten Brandfläche schließt eine grau verdorrte Grassavanne an, der man ansieht, dass ihr ein reinigender und belebender Buschbrand guttun würde, damit wieder junge Triebe sprießen können, die vom Dünger der Asche zehren. Hatten wir am Morgen und dem vorigen Tag häufig Wild in Anblick, so ist nun alles wie ausgestorben: Keine Herden mit Kälbern, keine neugierigen jungen Bullen, die uns nahe herankommenließen und schienen, als wollten sie sich ihrerseits ein Bild von den komischen Wesen auf zwei Beinen machen. Nichts!

Die leichte Nachmittagsbrise lässt uns ebenfalls im Stich und es beginnt zu küseln. Eine kurze Beratung und die Bestimmung unserer genauen Position auf der Karte mithilfe des GPS-Gerätes führen zu der Entscheidung, unsere Pirsch noch über ein kleines trockenes Flussbett hinaus auszudehnen und damit zu riskieren, den letzten Teil des Rückweges im Dunkeln zurücklegen zu müssen. Auf letzteres sind wir ohnehin vorbereitet und haben dafür nachmittags immer unsere Stirnlampen im Gepäck.

Kurz nach Durchquerung des trockenen Flussbettes müssen wir wieder in dichtes Buschwerk hinein und werden langsamer, um nicht zu viele Geräusche auf Laub und trockenen Ästchen zu machen. Während die sinkende Sonne beginnt, alles um uns herum in rotes Abendlicht zu tauchen und die Schatten länger werden, glasen wir die Umgebung ab. Mein Geovid 7×42 leistet bei diesem Licht gute Dienste und ich bin im Nachhinein froh, kein Glas mit einer stärkeren Vergrößerung eingepackt zu haben. Die Minuten vergehen, doch nichts rührt oder zeigt sich. Wir korrigieren unsere Route, denn langsam müssen wir den Schwenk zurück zum Camp einschlagen. Mittlerweile gehen wir im normalen Tempo, die beiden Jäger vor mir haben die Waffen unterladen und entspannt auf der Schulter und es fühlt sich eher wie ein Abendspaziergang als nach einer konzentrierten Pirsch an. Die Luft ist raus und Kai-Uwe und ich beginnen gerade, uns leise über Pirschgläser zu unterhalten, da sackt Graham wie vom Blitz getroffen in die Knie und wir instinktiv gleich mit. Wir sind sofort alle wieder hellwach und unter Spannung. Auf runde 80 Meter ragen zwei mächtige Hörner aus dem trockenen Gras zwischen den Stämmen einer kleinen Baumgruppe auf. Fast wären wir in den dösenden Bullen hineingelaufen, aber Grahams geübte Augen haben ihn im letzten Moment ausgemacht. Langsam und auf Knien versuchen wir näher heran und in eine gute Schussposition zu kommen. Der Bulle hat das richtige Alter und ist stark, jetzt darf er uns nur nicht spitzkriegen, bevor wir ihn halb umschlagen haben, um zwischen den Bäumen hindurch eine sichere Kugel antragen zu können. Im Unterschied zur Morgenpirsch im dichten Busch bewegen wir uns jetzt über deckungs-loses Gelände mit der tiefen Abendsonne im Rücken. Kai-Uwe ist fertig, Graham hat seinen Repetierer ebenfalls geladen. Banteng sind nicht so hart wie Wasserbüffel, aber es ist wehrhaftes Großwild und niemand möchte sich mit einem angeschweißten Bullen in der Dämmerung anlegen. Es gilt also, so lange zu schießen, bis er liegt und so sprechen wir unsere Positionen und Vorgehensweise ab, bevor Kai-Uwe die letzten Meter bis zur gewünschten Position zurücklegt. Graham rechnet aus Erfahrung damit, dass der Bulle nicht beim ersten Schuss zusammenbricht, auch wenn dieser gut platziert ist.

Alle drei haben wir den Rand der Baumgruppe erreicht und Kai-Uwe richtet sich zum Schuss auf, im gleichen Moment wird der überraschte Bulle hoch und erhält die erste Kugel, noch bevor er sich zwischen Angriff und Flucht entscheiden kann. Nach drei weiteren Schüssen aus Kai-Uwes R 8 verendet der starke Banteng-Bulle kaum einen Meter entfernt von der Stelle, an der wir ihn zuvor entdeckt haben.

 

Graham Williams – der PH

 

Sein Leben ist das Outback, die Büffel und die Jagd. Seit fast einem Vierteljahrhundert können Jagdgäste aus aller Welt mit Graham Williams auf Wasserbüffel, Banteng und Sauen im australischen Outback weidwerken. Dabei war Jagdführer eigentlich nicht sein ursprüngliches Berufsziel. Als Anlagenelektriker hat er sich die eigenen Jagdabenteuer früh und leicht finanzieren können und erst im Laufe der Jahre für sich entschieden, dass er lieber draußen im Busch ist, als sein Berufsleben auf Bohrinseln oder in Minen zu verbringen.

Heute ermöglicht er mit seiner Firma „Australian Buffalo Hunters“ reisenden Jägern das Abenteuer, im Arnhemland zu jagen. Dieses spärlich besiedelte Gebiet gehört wieder seinen traditionellen Bewohnern, den Aborigines. Als Konzessionär der Gulin Gulin Buffalo Company arbeitet Graham Williams dabei eng in Sachen Artenschutz und nachhaltiger Bejagung der wilden Ban-teng- und Wasserbüffelbestände mit den Ureinwohnern Australiens zusammen.

Im Camp mit Graham und seiner Lebensgefährtin Kerry fühlt man sich wie zu Hause und ist in alle Abläufe der Wildnisjagd eingebunden. Graham will seine Gäste nicht nur so nah wie möglich an das Wild bringen, auch das Safari-Erlebnis im Outback soll so unmittelbar wie möglich sein. „Meine Jäger sollen das Gefühl haben, mit guten Freunden zu jagen und nicht mit einer anonymen Reisegesellschaft“, sagt Graham über sein Konzept der Büffeljagd im Northern Territory, Australien.

Jagdzeit_Jagen-im-Outback-35

 

Freshies & Salties

 

„Die einfachste Art herauszufinden, um welche Art Krokodil es sich handelt, ist diese: Geh einfach ins Wasser und beobachte genau, was das Croc macht. Kommt es auf dich zu, dann ist es ein Saltie und wenn es wegschwimmt, kannst du davon ausgehen, dass es ein Freshie ist.“ Dieser Witz eines Outdoor Guides im Nitmiluk-Nationalpark klingt vielleicht platt, beschreibt aber ziemlich genau die Unterschiede im Verhalten der beiden in Australien vorkommenden Krokodilarten. Das mit den Spitznamen „Freshie“, nach seiner Lebensweise im Süß- oder Frischwasser, bzw. „Johnson“, nach seinem zoologischen Namensgeber, belegte Süßwasserkrokodil ist eher scheu und zählt uns Menschen nicht zu seinem üblichen Beutespektrum. Das „Saltie“ genannte Salzwasserkrokodil ist dagegen sehr wohl an größeren Säugetieren als Jagdbeute interessiert.

Natürlich sind auch Süßwasserkrokodile keine Kuscheltiere, aber in der Regel bemerken wir ihre Anwesenheit in freier Wildbahn nur durch das laute Platschen im Wasser, wenn sie aufgeschreckt ihren Sonnenplatz am Ufer verlassen und in das Wasser eintauchen. Süßwasserkrokodile sind am leichtesten an ihrer lang und spitz zulaufenden Schnauze zu erkennen, die bei den Salzwasserkrokodilen breiter und stumpfer wirkt.

Von den Salzwasserkrokodilen ist belegt, dass sie Menschen nicht nur aktiv als Beute angreifen, sondern auch in der Lage sind, sich Gewohnheiten zum Beispiel von Anglern am Ufer einzuprägen und an den bevorzugten Angelplätzen zu lauern, um wie aus dem Nichts zu schlagen zu können. Wenn Salties im Wasser sind, egal ob in einem See, Fluss oder Meer, sind alle Tätigkeiten in der Nähe der Uferlinie besonders gefährlich. Das Gleiche gilt für Bootsfahrten. Wer sich über die unproportional hohen Bordwände der Angel- und Freizeitboote im Northern Territory gewundert hat, weiß, warum das so ist, wenn er die Jumping Croquodiles im Adelaide River erlebt hat.

Oft unterschätzt werden die Orte, an denen Salzwasserkrokodile vorkommen. Nur weil ein Billabong in der Trockenperiode von vielen Kilometern trockenen Geländes umgeben ist, heißt das nicht, dass in der Regenzeit keine der Panzerechsen eingewandert ist und sich genau dort niedergelassen hat, wo während der trockenen Monate besonders viele Tiere zum Schöpfen nah ans Ufer kommen müssen. Die Einheimischen wissen, dass man hier vorsichtig sein muss, für den reisenden Jäger erschließt sich dieses Risiko ebenso wenig selbstverständlich wie die Anwesenheit der Krokodile an den herrlichen Sandstränden in Darwin. Die australischen Salzwasserkrokodile, die zoologisch als Leistenkrokodile geführt werden, sind nicht nur die größte Art Krokodile auf dem Planeten, sie sind auch die einzigen, die in Süß- und Salzwasser gleichermaßen gut leben können. Daher dringt diese Art auch mit Abstand am weitesten ins Meer vor.

Eine Bejagung dieser eindrucksvollen und wehrhaften Reptilien ist leider nur für Einheimische und lizensierten „Schädlingsbekämpfern“ erlaubt, die Problemkrokodile zum Beispiel auf privatem Grund erlegen dürfen.

 

Freshie-Saltie

 

Text und Fotos: Roland Zobel

Aus Jagdzeit Nr. 26.

 

Jagdzeit AG

Jagdzeit International Das Buchjournal mit den schönsten Seiten der Jagd www.jagdzeit.com

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *