Ausrüstung

Ein Besuch bei John Rigby & Son

Von  | 

Am einem trostlosen Dienstag im November 2015 war es endlich soweit. Von Oslo sollte es mit dem Flieger nach London gehen und von dort in die City der britischen Hauptstadt, wo ich Gelegenheit bekommen sollte, fast den gesamten Tag in der weltberühmten Waffenschmiede von John Rigby & Son verbringen zu können. Ich weiß, ich greife voraus, aber ein Traum ging an jenem Dienstag in Erfüllung und die Spannung greift mich noch heute, wenn ich nur daran denke.

 

 

Wie es dazu kam

Im Spätsommer 2015 hatte ich auf Facebook auf einem sehr bekannten internationalen Jagd – und Naturforum eine angeregte Diskussion mit anderen Teilnehmern über Waffen der Fa. Rigby und deren neuerliche Zusammenarbeit mit ihrem ehemaligen Partner Mauser. Alle waren sich einig, dass Rigby die höchsten Ansprüche bzgl. von Luxuswaffen erfüllt, und das natürlich speziell in Hinsicht auf großkalibrige Waffen für den harten Gebrauch bei Safaris in Afrika. Während der Diskussion dachte ich, das ist ja alles schön und gut, aber wäre es nicht mehr erstrebenswert, wenn Firmen wie Rigby oder auch Mauser unabhängig ihre gute Arbeit machen könnten und nicht unter dem Dach vom „Großkonzern“ Blaser / Mauser? Gibt es da nicht ein mögliches Risiko für diese Traditionskonzerne im Gewirr von CNC – Maschinen und erbsenzählenden Ökonomieabteilungen? Nach meiner Meinung hat der Blaser / Mauser – Konzern eine viel zu starke, ja marktbeherrschende Position in Europa eingenommen und mehr Konkurrenz wäre durchaus wünschenswert. Viele Markennamen wurden nach Stilllegung der Mutterbetriebe aufgekauft (Mauser, Hirtenberger, DWM etc.) und unter dem Dach des Konzerns vereinigt. Eine smarte Firmenpolitik, aber kaum im Interesse des Verbrauchers und der Mitbewerber.

 Rigby team in workshop

Ein unerwarteter Vorschlag

 

Sowie ich meine Bedenken in dieser Richtung in höflicher Form dargelegt hatte, bekam ich eine direkte Antwort von Rigbys MD Marc Newton dahingehend, dass meine Aussage in der Form nicht korrekt wäre und Rigby sehr wohl unabhängig von Blaser entwickeln und agieren könnte. Zum Beweis dafür lud er mich herzlich nach London ein, damit ich selber Gelegenheit bekäme zu sehen, wie unabhängig und professionell Rigby nach wie vor seinen Aufgaben und Geschäften nachgehen würde.
Sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf stellte mir Marc Newton völlig frei, wann ich diesen Termin wahrnehmen wollte. Alleine durch die souveräne Reaktion war ich völlig überrascht und ja, ein wenig perplex. Das muss ich wohl ehrlicherweise einräumen. Sofort hatte ich mich persönlich entschlossen, diese einmalige Gelegenheit zu nutzen, aber erst musste ich einen passenden Termin finden, denn es gab haufenweise andere wichtige Dinge zu erledigen.
Als ich mich dann entschlossen hatte, den Besuch in Angriff zu nehmen, kamen mir nach der fast dreimonatigen Wartezeit doch Bedenken, ob sich Marc Newton und Rigby entsprechend ihrer Einladung verhalten würden oder alles nur wohlfeiles Geschwätz war. Aber weit gefehlt, bei meiner ziemlich schüchternen Kontaktaufnahme konnte sich der MD sofort an mich erinnern. Marc Newton bat mich so bald wie möglich zu kommen, denn man wollte mir doch so gerne alles zeigen, was seit der Rückkehr von Rigby aus den USA nach London geschehen sei. Nach dem Auswechseln einiger Mails wurde der 10.11.2015 als Tag für den Besuch festgezurrt.
Man bat mir freundlicherweise sogar an, mich mit dem Firmenwagen in Stansted direkt abzuholen …
Da ich mir doch ein wenig Unabhängigkeit und unbeeinflusste Meinung erhalten wollte, lehnte ich dankenderweise ab. Hätte ich den Stress im Londoner Nahverkehr besser bedacht, wäre meine Entscheidung im Nachhinein garantiert anders ausgefallen.
Am 10.11.15 musste ich nach sehr kurzer Nacht um 03.00 Uhr aufstehen, denn ich hatte ein ganzes Stück mit dem Auto zu fahren. Bekanntlicherweise muss man bei internationalen Flügen 1 bis 2 Stunden vor Abflug erscheinen. Der Flug selber ging ohne alle Probleme vor sich und wir landeten sogar vor der angegebenen Zeit, sehr positiv. Dann ging es weiter im gewaltigen Nahverkehrsnetz Londons, eine Sache, die zwischendurch fast alptraumhafte Züge angenommen hatte. Von der Information einmalig mit falschen Ratschlägen gefüttert, fuhr ich in London (sehr) viele unnötige Strecken mit der Subway, hatte dabei aber Gelegenheit die unglaublich vielen, gut polierten Halbschuhe viele Londoner Geschäftsleute bewundern zu dürfen. Etwas, das ich in der Form und Ansammlung vorher noch nie gesehen hatte. Nach einer ziemlichen Odyssee kam ich gegen 10.30 Uhr britischer Zeit bei Rigby an und hatte das Glück den Chef selber direkt auf der Straße zu treffen. Der Empfang war überaus warm und herzlich, so als man selber schon immer dazu gehört hätte.

tweed_media-9

Corbetts .275 Rigby

 

Sofort wurde ich in das Allerheiligste geführt, den Showroom, in dem gerade eine Kameracrew eine Filmsequenz rund um die originale Jim Corbett Rifle in .275 Rigby abdrehte, die Waffe mit der Corbett jede Menge „Großkatzen“, sog. Menschenfresser, erlegt hatte. Desweiteren war auch eine von Corbett originalsignierte Ausgabe seiner „Jungle Stories“ und das uralte Kundenverzeichnis der Fa. Rigby, der sog. „Ledger“, Mittelpunkt des Geschehens. Dieses spezielle und sehr persönlich gehaltene Kundenverzeichnis reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Während der Filmaufnahmen wurde ich auch noch mit Simon Barr bekannt gemacht, der einigen wegen seiner hervorragenden Reklamefilme aus der Jagd- und Waffenbranche durchaus bekannt sein dürfte.

Für die, die mit der Person Jim Corbetts nicht so vertraut sind, möchte ich eine kurze Übersicht seiner wesentlichen Stationen im Leben geben.
Jim Corbett wurde 1875 in der Stadt Nainital / Indien geboren, in der sein Vater der zuständige „Postmaster“ war. Schon von klein auf zeigte sich die überaus große Naturverbundenheit des jungen Corbett und sein ausgeprägtes Interesse für die wilden Tiere des Landes. Im Alter von 18 Jahren bekam er seine erste Anstellung bei einer indischen Bahngesellschaft und in seiner Freizeit begann er sich jagdlich mehr und mehr auf die indischen Großkatzen zu spezialisieren. Man möge sich das vorstellen, aber Corbett erlegte zwischen 1907 und 1938 die unglaubliche Zahl von 1200 (!) Tigern … von denen viele dokumentierte „man eaters“ waren. Interessant zu wissen ist auch, dass die meisten Opfer dieser Tiger Frauen und Kinder gewesen waren. Herausragend aus dieser Galerie von Menschenfressern war Corbetts erster Tiger, der berühmte sog. „Champawat Tiger“, der 436 Menschen auf dem Gewissen hatte. Neben Tigern legte Corbett auch ein wesentliches Augenmerk auf menschenfressende indische Leoparden. Einer von diesen war der außerordentlich berühmte „Leopard of Rudraprayag“. Das war genau der, den Corbett im Jahre 1926 buchstäblich vor seinen Füßen mit seiner berühmten .275 Rigby schoss.
Corbett war ein facettenreicher und vielseitig interessierter Mann. Neben der Großwildjagd war ihm sehr am Los der einfachen, vielfach äußerst armen Menschen Indiens gelegen, die unter teilweise furchtbaren Umständen leben mussten. Sein Buch „My India“ ist diesen Menschen und ihrem gefährlichen Dasein gewidmet. Im Alter und nach fast unzähligen Abschüssen von Großkatzen besann er sich auch auf deren Schutz. Vielleicht eine Art der Kompensation für ein schlechtes Gewissen in dieser Angelegenheit …? Das erste Reservat in Indien 1957 bekam auch dann prompt seinen Namen. Das Fotografieren und die literarische Arbeit waren weitere von Corbetts Steckenpferden. Er war Author erfolgreicher Bücher und einige wurden sogar Ausgangspunkt für Hollywoodfilme. Im Jahre 1947 emigrierte Corbett zusammen mit einer Schwester nach Kenia, wo er 1955 verstarb.

 

 Jim Corbetts Rifle in .275 Rigby

Jim Corbetts Rifle in .275 Rigby

Wie ein Kind im Süßwarenladen

 

Bei Rigby durfte ich mir nicht nur alles anschauen, nein, auch alles ordentlich in die Hand nehmen und testen. Und da gab es bei Rigby mehr als genug zu tun! Zuerst habe ich die „Bekanntschaft“ mit jeder Menge Großwildwaffen in den unterschiedlichsten Kalibern gemacht. Bei vielen dieser Waffen gab es eine obendrein noch interessante Geschichte zu entdecken. Von großen Mengen „London’s Best“ weiter zu wahren Massen von wertvollsten „Vintage Rifles“, durch die mich sinn- und wahrheitsgemäß hindurchpflügen musste. Dabei immer mit fachlichen Rat begleitet von dem unglaublich netten und kundigen „Production Manager“ Ed Workman.
Rigby hatte nach Wiederankunft in London begonnen, besonders bekannte und berühmte Rigby – Waffen aus allen Ecken der Welt zurückzukaufen. Alle diese historischen Waffen haben in meinen Augen besonders eines gemeinsam, ihre unglaubliche und unverwechselbare Balance. Waffen mit relativ hohem Eigengewicht und langen Läufen fühlen sich an wie „Federn“, als wären sie praktisch schwerelos. Etwas, das heute in dieser Form eigentlich nicht mehr produziert wird und werden kann.  Hier macht Rigby den Unterschied! Während ich Vorort war, wurde gerade die phänomenale Replika von Corbetts .275 Rigby gefertigt, 100% Handarbeit und mit unglaublicher Kunstfertigkeit und Hingabe zur Vollendung gebracht. Dieses Kunstwerk aus Stahl und edelsten Hölzern sollte dann beim jährlichen SCI – Konvent in den USA für einen guten Zweck versteigert werden. Wie wir jetzt wissen für den unglaublichen Preis von 250 000.- Dollar, und ich bin stolz wie ein kleiner Junge, weil ich bei der Entstehung dieses Kunstwerkes aktiver Zeuge sein durfte.
Ed Workman, mit seiner langen Erfahrung von weit mehr als zwanzig Jahren bei Purdey und Holland & Holland, war der perfekte Führer und Ratgeber. Er gab bereitwilligst Auskunft zu Technik, Holzarbeiten und allem anderen in Bezug zu Rigby – Waffen. Für mich als „gun – nut“ eine unerschöpfliche Quelle von Wissen und Können. Ein der spannendsten Sachen war die Geschichte von Rigbys Doppelbüchse, der berühmten „Rising Bite“. Alleine um die Details des einzigartigen Verschlusssystems zu erklären, brauchte Ed Workman gut eine halbe Stunde … Noch interessanter war zu hören, dass die Produktion des „Rising Bite“ wiederaufgenommen werden soll. Aktuell hat Rigby wieder begonnen, diese sagenhaften „side by side“ – Doppelbüchsen zu fertigen. Jemand, der viel Geld und Liebe für exklusive Waffen hat, liegt damit genau richtig. „Rising Bites“ sind nämlich genauso einzigartig und dementsprechend selten zu sehen wie Bugattis.
Höhepunkt folgte auf Höhepunkt, ich wusste schon gar nicht mehr wo mir der Kopf stand … und nun ging es zum Herz des Betriebes, nämlich dem sog. „Workshop“, indem die Prachtstücke gefertigt werden. Ausgestattet für die verschiedenen Spezialisten der Schäfter, Graveure und Büchsenmacher. Das Team von Rigby besteht aus relativ jungen Leuten, die sich fast ausschließlich aus Großbritannien und Frankreich rekrutieren.  Alle sind unheimlich eifrig und völlig hingegeben bei der Sache. Nachdem ich mich mit verschiedenen Personen unterhalten hatte, wurde mir klar, das Marc Newton mit seiner Feststellung Recht hatte, nämlich die Freiheit von Rigby bei Visionen / Ideen, deren Umsetzung und Produktion, obwohl zu 100% in Blasers Eigentum befindlich. Das bewirkt im Umkehrschluss, dass die Mitarbeiter bei Rigby im wahrsten Sinne des Wortes inspiriert und hochgradig motiviert wirken. Desweiteren zeigen sie außerordentlich viel Kreativität. All das kommt natürlich den Produkten von Rigby zugute und damit auch den vielen zufriedenen Kunden auf der ganzen Welt.

 

Zukünftige Schönheiten

 

Mark Newton und auch andere Mitarbeiter machten während unser Gespräche ziemlich deutlich, dass die „Pipeline“ gut gefüllt ist für zukünftige Projekte und Ideen. Andeutungsweise wurde mir mitgeteilt, dass Rigby in den kommenden Jahren gedenkt, eine eigene S/S Schrotflinte auf den Markt zu bringen. Feine Schrotpatronen britischer Machart mit Firmenlogo sind jedenfalls schon auf dem Markt. Über die Entwicklung und Markteinführung kompletter Linksausführungen bei den Repetierbüchsen wird zumindest intensiv nachgedacht. Es dürfte sehr spannend werden, die nächsten Jahre der Entwicklung bei Rigby zu verfolgen.

Weitere Beispiele von wirklicher Lust an der Innovation sind die „neuen Typen“ an Repetierern, die man im Angebot der sog. „Vintage – Rifles“ findet. Ein etwas amerikanisch inspiriertes Stück machte dabei den größten Eindruck von allen gesehenen Waffen auf mich. Diese Büchse vereinigt in meinen subjektiven Augen auf einmalige Weise Tradition und Moderne. Selbstverständlich war auch diese Waffen eine sog. „bespoke“, also bei der man allergrößte Rücksicht auf etwaige Kundenwünsche nimmt. Ausgangspunkt bei dieser Waffe war natürlich auch der exklusive original M- 98 Verschluss, allerdings versehen mit einer modernen 3 – Stellungssicherung a la Winchester 70. Das Ganze selbstverständlich verpackt in einem klassisch britischen Schaft allerhöchster Qualität. Neu und sehr einladend für mich die sehr niedrige, amerikanisch inspirierte ZF – Montage von Smithson. Der Stainless Steel – Lauf hatte die klassische Länge von 26‘ oder 66cm für Magnums und war mit fünf äußerst gutanzuschauenden Flutungen versehen. Desweiteren mit Gewinde für den Gebrauch von Rückstoßbremse und / oder Schalldämpfer versehen. Das Kaliber der Waffe war in .300 Win Mag, aber alle anderen sind selbstverständlich möglich, auch die ausgefallensten Wildcats werden realisiert.  Ein weiteres nicht alltägliches Detail, das auf mich großen Eindruck machte, weil sehr nützlich, aber selten zu finden, ist der im Verschluss integrierte Rückstoßstollen. Das, was die Amerikaner als „pinned to the action“ bezeichnen.  Er verteilt die entstehenden Kräfte beim Rückstoß besser als die herkömmlichen Rückstoßstollen und ist damit eindeutig präzisionsfördernd, vor allem aber wird auch die generelle Stabilität der Waffe verbessert.

Factory manager Mark Renmant in Rigby showroom 2

Die herausragende Balance

 

Auf ein ganz besonderes Charakteristikum der Rigby – Waffen muss ich noch einmal zurückkommen, nämlich die sprichwörtliche, schier unglaubliche Balance. Es spielt da in meinen Augen eine weniger große Rolle, dass diese teuren Luxuswaffen mit größter Handwerkskunst in Bezug auf Schaftholz oder feine Metallarbeiten gefertigt werden, denn die Balance schlägt einfach alles und wäre jedenfalls für mich das herausragende Kaufargument. Eine Rigby von ungefähr 3,5 kg Gewicht fühlt sich faktisch an wie 1,5 kg, nein, eigentlich wirkt sie noch viel leichter und das alleine reicht, um sich nach einer Rigby zu sehnen! Wenn ich mir etwas sofort wünschen könnte, wäre es ein Linkssystem in der Qualität und Ausführung der Original Mauser 98, denn auch ich gehöre zur oft benachteiligten Gruppe der Linksschützen. Wir werden sehen, wie weit Rigby damit kommen wird.
Der Besuch und Aufenthalt bei Rigby haben auf mich den allergrößten Eindruck gemacht und meine eigentlich schon ziemlich hohen Erwartungen wurden von der Realität noch weit übertroffen. Das, was ich während des Besuchs erleben durfte, hat mich vollkommen überwältigt und in einen bekennenden Rigbyfan verwandelt. Hoffentlich können sie meine überschäumende Begeisterung verstehen und daher über meine vielleicht ein bisschen zu wenig ausgewogene Berichterstattung hinwegsehen.

 

Text & Fotos: Jens Gaus

Jens Gaus

Lebt seit 1999 in Norwegen. Aktiver Jäger und Sportschütze seit 1976. Schreibt und testet Waffen, Munition und relatierte Ausrüstung seit Ende 2014 für ein sehr bekanntes schwedisches Waffenmagazin

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *