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Bogenjagd – Auf Rehwild in Europa

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Weltweit kann man in den schönsten Revieren mit dem Bogen waidwerken. Aber es sind gar nicht unbedingt die exotischen Wildarten, die es dem Bogenexperten angetan haben. Besonders das heimische Rehwild ist jagdlich eine der größten Herausforderungen, die Europa zu bieten hat.

 

Nur ein paar Kilometer vom Rhein entfernt, aber schon auf französischem Gebiet, komme ich bei einem meiner Lieblingsjagdgebiete an. Der große Forst befindet sich in einem der wenigen Gebiete, wo man, mindestens zum Teil, Deutsch spricht und wo Bogenjagd erlaubt ist.

Der erste Ansitz führt mich zu einer uralten Eiche, in der ein Treestand schon bereit hängt, an den Waldrand einer kleinen Wildwiese. Umgeben von dichtem Auwald und frisch überwachsenen Kahlschlägen, ist dies ein Platz, der dem Wild als Durchzugsgebiet und Äsungsziel dient. Jede Menge Fegestellen, Wechsel und sogar ein Paar kleine Suhlen findet man auf kleiner Fläche. Wenn das kein idealer Einstand für einen Bock ist!

Rehe sind ein großartiges Wild, klein, unauffällig, vor-sichtig, und fast überall in Europa anzutreffen. Obwohl es manchmal bei Gewehrjägern aufgrund der möglichen weiten Schussdistanzen als nicht besonders schwierig zu bejagen gilt, stellt das Reh eine extreme Herausforderung für den europäischen Bogenjäger dar. Die große Schwierigkeit besteht darin, nah genug an diesen extrem vorsichtigen Wiederkäuer heranzukommen. Junge Rehe werden selbst für so kleine Raubtiere wie den Fuchs zum Beutetier, und deshalb scheint es so, als fehle ihnen ein Hauch Selbstbewusstsein, den größere Hirscharten manchmal vermitteln. Manchmal genügt schon eine von Baum herabfallende Eichel, um einen ausgewachsen Rehbock eilig ins nächste Dickicht abspringen zu lassen. Diese Eigenschaft, verbunden mit dem sehr feinen Geruchs- und Gesichtssinn der Rehe, ihr unglaubliches Reaktionsvermögen und ihr extrem kleines Kernterritorium, machen die Rehe zu einer Wildart, die für Bogenjäger extrem schwer zu überlisten ist.

Ich lehne mich im Sitz zurück und beginne die Geräusche, Gerüche, und Farben dieses Abends im Spätfrühling, mit seinen reinen satten Grüntönen, in der Erwartung einer langen, entspannenden Zeit zu genießen. An diesem Abend aber sollte ich nicht entspannen können.

 

Whitetail Bowhunting

Bevor man auf Wild anlegt, steht sehr viel Training an. Moderne 3-D-Hartziele, im Bild ein Weißwedel, gibt es von Dutzenden Wildarten.

 

Nach nur wenigen Minuten auf meinem Ansitz drehe ich meinen Kopf und da steht ein alter Bock. Wie Phoenix aus der Asche, ist er mit einem Mal einfach da. Ein kurzer Blick auf sein Haupt zeigt Stangen in doppelter Lauscherhöhe, gute Masse und sechs Enden, ein sehr starker Bock, besonders wenn man mit Pfeil und Bogen jagt. Typisch für Rehwild – der Bock ist bis auf kürzeste Distanz herangewechselt, ohne ein einziges Geräusch von sich zu geben. Jeder Rehwildjäger kennt diese besondere Fähigkeit. kleinen Haken am Sitz und drehe mich sehr vorsichtig in Schussposition. Der Bock äst quer durch die Wildwiese. Er ist allerdings genau von der Seite erschienen, von der ich natürlich kein Reh erwartet hätte. Ich ziehe deshalb meinen Entfernungsmesser aus der Jackentasche heraus. Ein Knopfdruck reicht und ich weiß, dass der Bock genau dreiundzwanzig Meter von mir entfernt steht. Ein weiter Schuss auf ein so kleines und reaktionsschnelles Stück Wild. Ich beobachte den Bock noch eine weitere Minute, bevor ich zu dem Entschluss komme, dass er nicht näher kommen wird. Sehr langsam ziehe ich meinen Bogen aus und konzentriere mich auf den leicht wegdrehenden Schuss.

Diese Bogenjagd hat auf europäischem Boden stattgefunden. Obwohl die Bogenjagd in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer noch verboten ist, sind die Möglichkeiten zum Bogenjagen weder weit entfernt noch schwer realisierbar.

ANDERE LÄNDER, ANDERE SITTEN

Das Jagdgesetz ist in jedem Land anders, besonders wenn es darum geht, wer berechtigt ist zu jagen und wie man als Ausländer eine Jagderlaubnis erhält. Ein deutscher Jäger zum Beispiel, der einen französischen Kurzzeit-Jagdschein kauft, darf Pfeil und Bogen als Jagdwaffe einsetzen, ohne weitere Qualifikationen nachweisen zu müssen. Es ist für deutsche Jäger auch möglich, den normalen französischen Jagdschein zu machen, und den daran anschließenden staatlichen Bo-genjagdschein. Damit besteht dann die Möglichkeit, regel-mäßig in Frankreich mit Pfeil und Bogen zu jagen. In den meisten Ländern basiert das Jagdrecht auf Gegenseitigkeit, dies bedeutet ein gültiger Jagdschein oder eine Lizenz aus dem Heimatland wird als Grundlage für einen Jagdschein oder eine Lizenz in einem anderen Land akzeptiert. Es gibt aber auch Ausnahmen. Manche Länder verlangen eine spezielle Bogenjägerausbildung, entweder durch eine international oder national akzeptierte Organisation. Um zum Beispiel in Alaska mit Pfeil und Bogen jagen zu können, benötigt man einen Bowhunter Education Kurs, durchgeführt vom National Bowhunter Education Program oder dem European Bowhunter Education Program. Es ist sehr wichtig, sich über alle Modalitäten des lokalen Jagdscheinerwerbs zu informieren, wenn Sie Ihre Jagd planen. Das Internet kann hier sehr hilfreich sein. Die mit Pfeil und Bogen jagdbaren Wildarten variieren von Land zu Land. In Europa zum Beispiel erlaubt Frankreich den Jägern alle Wildarten mit Pfeil und Bogen zu bejagen. Finnland erlaubt die Jagd mit Pfeil und Bogen auf Arten bis zu der Größe eines Weißwedelhirsches. Größere Wildarten wie der Elch sind nicht erlaubt. Dänemark erlaubt die Bogenjagd auf Rehwild. Rothirsche müssen mit Kugel erlegt werden. In Spanien dagegen sind Rothirsche ganz normale Beute für Bogenjäger.

In Nordamerika ist Bogenjagd auf alle neunundzwanzig Arten des Großwildes, auf sämtliches Niederwild und noch dazu alle Arten von Raubwild erlaubt. Vom Kaninchen zum Wolf, vom Javelina zum Wildschwein, vom Weißwedel zum Elch, vom Pronghorn zum Moschusochsen, vom Schwarzbär zum Grizzly ist es möglich, jeder Wildart mit Pfeil und Bogen nachzustellen. Südamerikanische Länder folgen einem ähnlichen Muster. Jedes Tier, das man mit dem Gewehr erlegen darf, kann auch mit Pfeil und Bogen erlegt werden, aber nicht unbedingt in der gleichen Jagdsaison.

 

Bei der Jagd werden Schüsse auf geringe Distanz abgegeben. In dieser Trainigs-situation kann der Schütze zwischen den jagdlich relevanten zehn bis 25 Metern variieren und entsprechend seinen Haltepunkt anpassen.

Bei der Jagd werden Schüsse auf geringe Distanz abgegeben. In dieser Trainigs-situation kann der Schütze zwischen den jagdlich relevanten zehn bis 25 Metern variieren und entsprechend seinen Haltepunkt anpassen.

 

Fast alle jagdbaren Wildarten in Neuseeland und Australien sind in den jeweiligen Ländern ausgesetzt worden und sogenannte Neozoen. Das Spektrum der Wildarten ist aber ziemlich umfangreich. In Neuseeland zählen zu normalem Jagdwild Rothirsche, Gamswild, Weißwedelhirsche und Himalaya Tahr. In Australien jagen Bogenjäger unter anderem Axishirsche, Damhirsche, Sambarhirsche, Wildschweine und Wasserbüffel.

Afrika ist der Kontinent der Antilopen und des Groß-wildes. Die von Bogenjägern am häufigsten bejagten Wildarten sind grundsätzlich jene, die auch für Gewehr-jäger typisch sind. Wie zum Beispiel Impala, Großer Kudu, Gemsbok, Warzenschwein und Hartebeest. Das Spektrum der Wildarten reicht von Duiker zu Eland und weiter zu den Big Five. Ja, es ist möglich, Büffel und selbst Elefant mit Pfeil und Bogen zu erlegen! Am häufigsten wird der Kaffernbüffel von Bogenjägern erbeutet. Aber man muss zugeben, dass es gefährlich ist, die Big Five mit Pfeil und Bogen zu bejagen. Im Englischen heißt es nicht ohne Grund Dangerous Game. Jetzt wissen wir, dass Bogenjagd vielerorts erlaubt ist und dass es viele jagdbare Wildarten gibt. Bleibt die Frage, wie man mit der Bogenjagd anfängt. Einfach einen Bogen kau-fen, in die Hand nehmen und zielen ist mit Sicherheit keine ernsthafte Option. Nach Bogenjagd in einem traditionellen deutschen Jagdladen zu fragen, ist meist auch nicht besonders hilfreich. Die Chance, als Wilderer beschimpft zu werden, ist wahrscheinlich größer, als eine vernünftige Auskunft zu bekommen. Eine Mitgliedschaft in einem örtlichen Bogen-sportclub scheint ein logischer Ausgangspunkt, aber dem ist leider nicht so.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen sportlichem und jagdlichem Schießen. Am besten sucht man die Hilfe einer Person, die sich schon etwas in der Kunst des Bogenjagens auskennt. Das Problem für einen Anfänger ist es aber zumeist, einen erfahrenen Bogenjäger zu finden. Da die Bogenjagd in Europa erst seit fünfzehn Jahren überhaupt wieder erlaubt ist, und in mehreren Ländern erst seit den vergangenen zehn, fehlt die große Basis an Experten, wie man sie zum Beispiel in Nordamerika findet. Zum Glück gibt es aber ein paar gute europäische Quellen für Informationen, Ausbildung und Ausrüstung.

Wenn Sie sich dazu entschlossen haben, sich praktisch mit der Bogenjagd auseinanderzusetzen, lautet mein Tipp, einen der wenigen spezialisierten Jagd- und Bogenjagdläden, die moderne Bogenjagdausrüstung anbieten, aufzusuchen. Es gibt eine Handvoll dieser Geschäfte in den deutschsprachigen Ländern, zudem weitere knapp hinter der deutschen Grenze in Frankreich. Diese Geschäfte werden fast alle von passionierten Bogenjägern geführt und bieten die nötigen modernen Ausrüstungsgegenstände an.
Die Ladenbesitzer wissen meist, welche Möglichkeiten es zum Bogenjagen gibt, international und national, und wie man am besten damit beginnt. Tipp: Wenn es geht, vermeiden Sie Ecken, wo man Möchtegern-Indianer antrifft. Traditionelle Bogenjagd ist wirklich eine interessante Angelegenheit, für den Bogen-Jungjäger aber nicht die richtige Einstiegsklasse. Moderne Bögen sind einfach präziser und für Anfänger leichter zu handhaben.

Nachdem Sie mit Ihrem Bogen vertraut sind (dies erreichen Sie nur durch sehr viel Training, insbesondere 3D-Schießen), ist es an der Zeit, ans richtige Bogenjagen zu denken. Wenn Sie Glück hatten, haben Sie einen Mentor in einem der Bogenjagdläden gefunden. Als Leser der JI sind Sie wahrscheinlich schon ein erfahrener Jäger und haben die limitierenden Faktoren Ihrer neuen Jagdausrüstung bemerkt und hoffentlich schon manch eine Idee, wie man jagdlich mit diesen Einschränkungen umgehen kann. Der nächste Schritt Richtung Bogenjagd ist die Vertiefung Ihrer Wissensbasis durch Bogenjagd-Seminare oder -Ausbildungen. (Jagdzeit International wird in naher Zukunft Bogenjagd-Seminare anbieten.)

 

Bow arrow shop

Die Auszugslänge muss individuell ermittelt werden. Nur wenn der Bogen genau auf den Schützen angepasst ist, kommt dieser auf einwandfreie Ergebnisse.

 

Die meiner Meinung nach zurzeit beste Ausbildung ist organisiert durch den Verband Schweizer Bogenjäger. Die dreitägigen Kurse basieren auf dem internationalen Standard der National Bowhunter Education Foundation, International Bowhunter Education Foundation und European Bowhunters Association. Nach Bestehen des Kurses erhalten Sie das für viele Länder und Bundesstaaten erforderliche Bogenjagd-Zertifikat. Falls Sie weitere Information über Ausbildungsmöglichkeiten suchen, können Sie sich bei der European Bowhunters Association erkundigen, die ausführliche Informationen zum Thema bereithält.

Erst nachdem Sie der Bogenjagd viel Zeit und Arbeit gewidmet haben, ist es ratsam, Mitglied in einer politisch agierenden Bogenjagd-Organisation zu werden. Politik sollte meiner Meinung nach erst nach der Jagd stattfinden.

Und der Rehbock vom Anfang dieses Artikels? Nach zwei tiefen Atemzügen habe ich meinen Pfeil fliegen lassen. Der Schuss saß und der Bock sprang in den Wald, sofort verschluckt vom dichten Gestrüpp. Nach einer kurzen Nachsuche stand ich über meinem bis dato stärksten Rehbock mit Pfeil und Bogen.

Die beste Nachricht dieses Artikels ist, dass europäische Bogenjäger nicht über den Ozean fliegen müssen, um mit Pfeil und Bogen zu jagen. Der extrem herausfordernde „rote Waldgeist“ kann praktisch vor der eigenen Haustür bejagt werden. Glauben Sie mir, jeder, der bislang Rehwild ausschließlich mit der Büchse gejagt hat, wird diese Tierart ganz neu entdecken und ihr noch mehr Respekt zollen, als er es ohnehin schon tut.

 

Text: Chris Eberhart
Fotos: Christof Amtmann, Lars Lipke, Chris Eberhart

 

Jagdzeit AG

Jagdzeit International Das Buchjournal mit den schönsten Seiten der Jagd www.jagdzeit.com

0 Comments

  1. peter maier

    13. November 2016 at 14:47

    servus, wieviel mussten sie für den bockabschuss bezahlen,,, und war ein deutscher od. österreichischer jagdschein nötig?

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