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7 x 57 Mauser – Eine Liebeserklärung

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Die 7×57 Mauser – ein Klassiker der modernen Jagdgeschichte. Ein Bericht von Jens Gaus über eine Patrone, die seit über 120 Jahren Maßstäbe setzt.

Wie sich aus der Überschrift unschwer erkennen lässt, habe ich überhaupt nicht im Sinn, objektiv über den Gegenstand meiner Leidenschaft zu berichten. Das möge man mir verzeihen, denn Leidenschaften und Objektivität vertragen sich bekanntermaßen nur sehr bedingt …

Hier soll sich alles um die meiner bescheidenen Meinung nach beste Patrone der letzten 120 Jahre drehen, nämlich die 7 x 57 Mauser. Für die, denen es vielleicht nicht bekannt ist, kommt hier ein kleiner Geschichtsüberblick über die Entstehung dieser Weltberühmtheit.

Die Patrone wurde 1892 aus der 8 x57 I entwickelt und hatte für damalige Verhältnisse sehr gute ballistische Daten, sowohl was Geschossgeschwindigkeit als auch Energieabgabe im Ziel betrifft. Weiterhin zeichnete sich die 7 x 57 durch wenig Rückstoß und hohe Eigenpräzision aus. Die 7 x57 wurde auch als „die Freude (Genuss) der Ballistiker“ bezeichnet. Schnell wurde die 7 x 57 in den neuesten Mausergewehren zu einem Verkaufsschlager in vielen Ländern der Erde, während man sich im deutschen Reich weiterhin mit den Unzulänglichkeiten des Kommissionsgewehres 88 herumschlug. Im Spanisch – amerikanischen Krieg von 1898 und dem 2. Burenkrieg von 1899 – 1902 bewiesen die Mausergewehre und 7 x 57 in Ladenstreifen eindrucksvoll ihre nahezu vollständige Überlegenheit. Die angreifenden Amerikaner und Briten mussten deswegen teils furchtbare Verluste in Kauf nehmen. Die Entstehung der 30 – 06 aus der 7 x 57 war die direkte Folge aus den Erkenntnissen, die die Amerikaner gemacht hatten. Bis zur Kriegserklärung im I. WK bezahlten die USA ein wahres Vermögen (sog. „royalties“) an die Gebrüder Mauser für Patente des Gewehrs 98 und der 7 x 57. Die 30 -06 sowie die bekannte 6,5 x 55 SE sind nämlich direkte Abwandlungen der 7 x 57, nicht mehr und nicht weniger.

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Zu meiner Leidenschaft für die 7 x 57 wurde ich aus eigenem Erleben und der Fragestellung inspiriert, ob die seit den späten 1970 er – Jahren grassierende Leidenschaft nach ausländischen, vorzugsweise amerikanischen Kalibern und einer parallel einhergehenden „Magnumitis“ irgendwelche erkennbaren Vorteile in das jagdliche Leben (Kontinental) – Europas gebracht hat? Meine klare Antwort dazu ist ein Nein!

Anschaulich wurde dieses schon vor ungefähr 25 Jahren bewiesen, als die beginnende Schwarzwildexplosion für eine völlig unerwartete Wiederbelebung, ja Wiedergeburt der eigentlich schon eigentlich toten Klassiker 9,3 x 62 und 8 x57 I(R)S sorgte. Deren Aufschwung hält Gott sei Dank bis heute ungebrochen an und hat sich verfestigt.

Die 7×57 hatte es schon seit dem beginnenden Siegeslauf der 7 x 64 Brenneke in den späten 1950er -Jahren äußerst schwer und mit Einführung der amerikanischen Klassiker 30-06 und .308W war ihr Ende als europäische Jagdpatrone mit größerer Verbreitung eigentlich besiegelt. Nur die Randschwester 7×57 R hatte und hat noch eine Nische in verschiedenen Kipplaufwaffen und dümpelt bis heute so vor sich hin. Andere, kräftigere Patronenkreationen wie z.B. die 7 x 65 R haben ihr grundlegend den Rang abgelaufen, auch das eigentlich völlig unverständlich.

Zum großen Glück für die 7 x 57 Mauser gab es einige Länder vor allem auf anderen Kontinenten, die diese „Mutter aller modernen Patronen“ hochhielten und damit ihr Überleben sicherten. Hier wären besonders die USA, Südafrika, Namibia und nicht zuletzt auch Großbritannien für Europa zu nennen. Bei den Briten selbstverständlich mit einer Spezialbezeichnung, nämlich .275 Rigby. Den Briten waren alle metrischen Bezeichnungen zuwider, und natürlich besonders nach dem 1. WK. Waffen / Munition im Kaliber des Feindes zu benutzen, erschien unzumutbar.

Persönlich besaß ich Ende der 1970er Jahre einen wundervollen Repetierer der Marke Krico in 7 x57, der mich nicht ein einziges Mal enttäuschte! Ausschließlich von DWM und RWS verladene 10,5g / 162gr TIG wurden mit großem Erfolg auf der Schalenwildjagd angewandt. Längere Fluchtstrecken als 20 – 30 m habe ich nie erlebt, und das betrifft alles von Reh – bis Rotwild. Dumm und sehr jung wie ich war, reichten mir die ballistischen Daten (Frankonia Katalog) nicht aus, und die vorzügliche Waffe wurde zugunsten einer 30 – 06 verkauft. Darüber ärgere ich mich bis heute fast schwarz! Die 7 x57 ist eine ungeheuer präzise und dabei sehr, sehr weich schießende Patrone. Eine vorzüglich balancierte Patrone, die sich für unser Waidwerk in Europa geradezu anbietet.

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Schon mein Großvater mütterlicherseits, seines Zeichens Tierarzt und äußerst passionierter, kenntnisreicher Jäger hatte mir die Vorzüge der 7 x57 immer wieder eindrücklich beschrieben. Nach dem 1. WK, an dem er als dekorierter Infanterieoffizier und auch Scharfschütze in der von ihm befehligten Kompanie teilnahm, war er strikter Anhänger der „Eine Büchse Theorie“. Er führte Zeit seines Lebens nur einen Mannlicher Stutzen in 7 x 57, mit dem er große Strecke machte. Vom Reh bis zum kapitalen Hirsch und auch auf Entfernungen bis zu 200m. Probleme mit Nachsuchen etc. waren weitestgehend unbekannt. Die Aussage, dass „viel hilft viel“, ist gelinde gesagt Bockmist. Vielen Jägern wäre wesentlich besser gedient mit dieser wundervollen, rückstoßschwachen Standardpatrone, die fast keine Wünsche offenlässt. Mucken und Verreißen wären weitgehend unbekannte Worte, Geschehnisse und der Jäger im Gegenteil dazu befähigt saubere und vor allem sofort tödliche, waidgerechte Schüsse abzugeben. Die Einsprüche, die die ich jetzt fast bildhaft vor mir sehe, von wegen „zu schwach auf der Brust“ und andere weniger qualifizierte Aussagen sind faktisch falsch. Einige verschiedene Beispiele mögen zur Aufklärung dienen.

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Geschosse und Pulversorten wurden und werden andauernd verbessert und haben besonders den ausgewogenen Patronen, oft fälschlicherweise als schwach bezeichnet, geholfen. Die 7 x 57 kommt mit guten Fabrikladungen von z.B. Nosler, Hornady, RWS und Brenneke auf locker über 800 m/s, oft schon in Leistungsbereiche der 7 x64 und .280 Rem vorstoßend, aber mit wesentlich geringerer Pulvermenge und viel weniger Rückstoß. Das Angebot an Fabrikladungen ist in letzter Zeit geradezu explodiert und viele Firmen von Sellier & Bellot über Prvi Partisan (PPU) bis zu Nosler haben neue Kreationen präsentiert. Darunter befinden sich auch verschiedene bleifreie Versionen, wie z.B. die GMX von Hornady. Ballistisch sehr leistungsfähige Patronen, die auch das Distanzschiessen im Gebirge absolut beherrschbar machen. Persönlich habe ich eine Vorliebe für die mit dem 9,1g / 140gr Accubond verladene Patrone von Nosler, der 10,1g /156gr Oryx von Norma und „last but not least“ den schwersten Hammer, nämlich die 11,5g / 177gr TIG von Brenneke. Damit ist das gesamte Spektrum abgedeckt und Wünsche bleiben keine offen.

Ein argentinischer Freund, der jährlich mehrere Dutzend Stücken Schalenwild aller Gewichtsklassen streckt vom Frischling bis zum kapitalen Brunfthirsch, benutzt dafür fast ausschließlich seine Ruger # 1 in 7 x 57 mit ID – Classic 10,5g / 162gr von RWS. Nachweislich hat er mehrere Stücke Rotwild, darunter auch reife Geweihte, auf Entfernungen von bis zu 321 m gestreckt. Dabei Fluchten von maximal 50 m.

Das Großwildjäger wie Jim Corbett oder „Karamojo“ Bell viele Hunderte und mehr Stücken Großwild und „Dangerous Game“ mit ihren 7 x57 (.275 Rigby) gestreckt haben, mag auch heute noch Beweis genug sein für die außerordentliche Kapazität und Leistungsfähigkeit dieses Inbegriffs einer Standardpatrone. Überflüssig zu sagen, dass hier in Skandinavien, wo ich lebe, einige die 7 x57 mit großer Souveränität auch auf schwerste Elche zum Einsatz bringen. Die guten Resultate sprechen für sich. Persönlich hätte ich überhaupt keine Bedenken, die 7 x 57 auch auf kapitale Brunfthirsche oder Plainswild zum Einsatz zu bringen. Gute Schussplatzierung verbunden mit guten Geschossen = „DRT“ (down right there), wie die Amis sagen.

 

Das viele der bekanntesten Customhersteller wie z. B. Rigby & Sons, Westley & Richards und Dorleac besonders bemüht sind hochklassige, top balancierte Waffen in 7 x57 (.275 Rigby) herzustellen, spricht Bände. Die Waffe, die dieses Jahr auf dem World SCI – Treffen in den USA für gute Zwecke versteigert werden wird, ist die genaue, aber wesentlich luxuriöser ausgestattete Kopie von Jim Corbetts legendärer Rigby in .275, mit der er die berühmt, berüchtigten menschenfressenden Großkatzen in Indien erlegte.

Original Jim Corbett Rifle Rigby .275

Original Jim Corbett Rifle Rigby .275

Die Großserienhersteller sind auch nicht untätig geblieben und unter anderem stellen Heym, Rössler, Voere, Schultz & Larsen und andere vorzügliche Repetierer in 7 x 57 her. Beim Kauf einer neuen Waffe oder eines Laufs möchte ich Sie alle herzlichst bitten, die 7 x 57 Mauser in Betracht zu ziehen. Eine Entscheidung, die Sie sicher nicht bereuen werden. Meine Liebeserklärung möchte ich mit den Worten des PH Koos Barnard aus Namibia abschließen: „7 x 57 is relevant today as it was back in 1892“!

 

Autor & Fotos: Jens Gaus

Jens Gaus

Lebt seit 1999 in Norwegen. Aktiver Jäger und Sportschütze seit 1976. Schreibt und testet Waffen, Munition und relatierte Ausrüstung seit Ende 2014 für ein sehr bekanntes schwedisches Waffenmagazin

1 Kommentar

  1. Bjørn Skiaker

    9. Januar 2016 at 16:18

    Kjempe bra er det. Godt skrevet.

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